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Freitag, 10. Juli 2026
Reiseführer Teneriffa

„Die Artenvielfalt von Teneriffa lässt sich mit der von Australien vergleichen“

Das Anaga-Gebirge ist ein Ort voller Artenvielfalt und einzigartiger Natur. Im Gespräch mit einem Umweltexperten nähern wir uns der Faszination dieser Region auf Teneriffa an.
Das Wichtigste in Kürze:
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  • Das Anaga-Gebirge auf Teneriffa beherbergt laut Umweltexperte Israel Palmero de la Rosa die größte Artenvielfalt Europas.
  • Der wachsende Tourismus und die steigende Einwohnerzahl setzen die Natur und die Bewohner der Dörfer unter Druck.
  • Auf der Insel wachsen 25 endemische Pflanzenarten, davon 21 nur im Anaga-Gebirge, während Großbritannien nur vier endemische Arten zählt.
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„Europas größte Artenvielfalt findet man auf Teneriffa“, sagt Israel Palmero de la Rosa. Zumindest noch. Der Mitarbeiter der Umweltabteilung ist Experte für Bildung und Naturschutz. Er arbeitet im Besucherzentrum des Anaga-Gebirges. Und das ist in den vergangenen Monaten überdurchschnittlich gut besucht. Die Touristenmassen beschäftigen inzwischen sogar die Politik.

Das Anaga-Gebirge entstand vor sieben bis neun Millionen Jahren aus vulkanischer Aktivität. Es erstreckt sich über eine Fläche von 144 Quadratkilometern im nordöstlichen Teil der Insel. Die verschiedenen klimatischen Bedingungen und Höhen ermöglichen die Vielfältigkeit des Gebirges. Seit 2015 ist es UNESCO-Biosphärenreservat.

Israel Palmero de la Rosa sagt: „Die Menschen entfernen sich immer mehr von der Natur. Sie leben im Widerspruch zu ihr, obwohl sie so eine wichtige Rolle für das Überleben spielt.“ Deshalb erhöhte die Behörde die Polizeipräsenz und stärkte den Naturschutz. Trotzdem bleibt der Druck auf die Natur hoch.

Tourismus-Druck auf Teneriffa „ist wie ein Kuchen“

Dass der faszinierende Naturpark beliebt ist und viele naturbegeisterte Menschen anlockt, zeigt sich in der täglichen Anzahl von Besuchern. Durch den hohen Andrang wird die Zufahrt zu den Dörfern erschwert. Dieses Problem schränkt am meisten die Menschen ein, die dort leben.



Die Auswirkungen des steigenden Tourismus auf Teneriffa „kann man mit einem Kuchen vergleichen, der in vier Stücke geteilt ist und von dem immer mehr Menschen essen möchten“. Der Umweltexperte meint, dass die Bevölkerung auf der Insel bei gleichbleibender Fläche weiter wächst. Dadurch, und durch das Plus an Touristen, sinke die Lebensqualität aller. Die Ressourcen seien zu begrenzt für die Menge an Menschen, insbesondere Besucher. Die Einwohner gehören für den Umweltexperten dazu: „Sie sind wie die anderen Lebewesen im Gebirge ein wichtiger Bestandteil. Ohne sie wäre das Anaga-Gebirge nicht vorstellbar.“

Eine Lösung wäre, die Anzahl der Fahrzeuge zu reduzieren, indem mehr Busse eingesetzt werden. Der Umweltexperte sagt, es komme leider oft vor, dass Besucher zu hohe Risiken eingehen, weil sie das Gebiet nicht einschätzen können. Der Fokus sollte daher mehr auf die Landwirtschaft und weniger auf den Tourismus gelegt werden. Bei der Landwirtschaft im Anaga-Gebirge handelt es sich meist um eine heroische Landwirtschaft, erklärt Palmero de la Rosa. Das bedeutet: „Viel Arbeit für wenig Ertrag.“

Orientierungspunkt Besucherzentrum Cruz del Carmen

Sein Arbeitsplatz, das Besucherzentrum Cruz del Carmen, befindet sich inmitten des Lorbeerwaldes im Anaga-Gebirge. Die Mitarbeitenden sind die ersten Ansprechpartner, die den Besuchern von der Besonderheit des Parks berichten und sie dazu animieren, die Wanderwege zu respektieren. Die Arbeit des Besucherzentrums dient somit nicht nur informativen Zwecken, sondern sichert auch den Schutz des Naturparks.

Israel Palmero de la Rosa begeistern an seiner Arbeit im Anaga-Naturpark vor allem die Umweltbildung und die Möglichkeit, das Wissen weiterzugeben: „Idealerweise nehmen die Besucher diese Erfahrung mit in ihre Heimatorte, sodass wir gemeinsam dazu beitragen können, die Ökosysteme und Arten, die für unser Leben unverzichtbar sind, bestmöglich zu erhalten.“ Er möchte die Menschen dazu bringen, die Natur wertzuschätzen, sie zu lieben und zu genießen.

„Jeder Punkt im Anaga-Gebirge überrascht“

Seinen Lieblingsplatz im Anaga-Gebirge kann Israel Palmero de la Rosa nicht benennen: „Man könnte mit geschlossenen Augen zufällig auf einen Punkt auf einer Karte vom Anaga zeigen und jeder gewählte Ort würde einen überraschen.“

Wenn es um die Historie geht, ist ein Besuch der Regionen Taganana und Chinamada empfehlenswert. In Bezug auf den Naturschutz meint Palmero de la Rosa, dass sich nach der Gründung des Naturparks im Jahr 1944 zunächst stark auf den Ausbau der Infrastruktur konzentriert wurde, bevor der Naturschutz mehr in den Fokus rückte. Zu der damaligen Zeit nutzte die Bevölkerung das Holz des Parks als Brennholz.

Anhand eingeführter Baumarten wie Kiefern und Eukalyptusbäumen wurde der Wald wieder aufgeforstet und der anfängliche Vegetationsstatus wiederhergestellt. Inzwischen dient das Anaga-Gebirge auch als Freiluftlabor. Alle Arten von Wissenschaftlern nutzen es für ihre Studien.

Anaga-Gebirge BäumeFoto: Sarah Sina Meisel
Die Eukalyptusbäume im Anaga-Gebirge.

Laut Palmero de la Rosa sind die Folgen der Globalisierung in den Wäldern sichtbar. Er nennt die Ausbreitung von invasiven Arten als Problem für das Ökosystem. Dabei handelt es sich um Arten, die nicht heimisch sind. Sie verdrängen ursprüngliche Arten und gefährden deren Überleben. Im Anaga-Gebirge sind das zum Beispiel eingeschleppte Ratten, die sich von Eiern heimischer Waldtauben ernähren. Der Katzenschwanz ist eine Pflanzenart, die sich sehr aggressiv verbreitet. Der Umweltexperte vergleicht dies, aber auch die Auswirkung des Klimawandels auf die Ökosysteme, mit dem Immunsystem: „Wenn es nicht richtig funktioniert, wird der ganze Organismus geschwächt.“

Teneriffas Lorbeerwald ist eine Rarität

„Das Gebiet steht unter dem Einfluss der Passatwinde und das führt dazu, dass wir in den Ökosystemen des Anagas einen Wald von großer Bedeutung finden, die Laurisilva.“ Einen solchen sehr alten Lorbeerwald gibt es nur noch an wenigen Orten der Welt. „Er stellt Überreste der Wälder dar, die vor 40 Millionen Jahren existierten“, sagt Israel Palmero de la Rosa.

Die Passatwinde, die auf Teneriffa treffen, sind einer der Gründe dafür, dass sich die Ökosysteme auf der Insel entwickelt haben. Passatwinde sind ein Windsystem zwischen den Subtropen und dem Äquator. Sie entstehen durch die Sonneneinstrahlung, die am Äquator am höchsten ist, und unterscheiden sich in Nordost- und Südostpassat. Auf den Kanaren ist der Nordostpassat spürbar.

„Auf den Kanarischen Inseln insgesamt haben wir in den vergangenen Jahren den Regen vermisst.“ Diese Veränderung des Klimas wirkt sich auch auf die Winde aus. „Es gibt Modelle, die davon ausgehen, dass die Passatwinde bis zum Ende des Jahrhunderts keinen Einfluss mehr auf die Inseln haben könnten. Wenn das eintreffen sollte, würden die Lorbeerwälder verschwinden“, sagt Palmero de la Rosa. Gleiches gilt für seine Arbeit und die seiner Kollegen.

Teneriffa hat sechsmal so viele endemische Arten wie UK

Am meisten fasziniert Palmero de la Rosa am Anaga-Gebirge, dass es die größte Artenvielfalt in Europa hat und das mitten in einer wunderschönen Landschaft. Der Naturliebhaber sagt: „Die Wissenschaft entdeckt faszinierende Dinge über Pflanzen, die uns vermuten lassen, dass wir auf einem anderen Planeten leben. Hier kommunizieren die Bäume miteinander.“ Gemeint ist, dass sich Bäume anhand von Pilzen im Wurzelgeflecht und durch Ausschüttung von chemischen Signalen austauschen.

Anaga-Gebirge WälderFoto: Sarah Sina Meisel
Die Vielfalt der Bäume des Anaga-Gebirge.

Die Artenvielfalt auf Teneriffa lässt sich mit der von Australien vergleichen. Die Vielfalt hier bezieht sich vor allem auf Pflanzenarten und Arthropoden wie Insekten, Spinnentiere, Tausendfüßler und Krebstiere. Mit 25 endemischen Pflanzenarten auf der gesamten Insel und 21 davon nur im Anaga-Gebirge, gibt es ein sehr umfangreiches Artenspektrum.

Die Hälfte der Insektenarten, die auf der Insel leben, ist weltweit nur hier vertreten. Als Vergleich nennt Palmero de la Rosa das Artenvorkommen Großbritanniens. Dort gibt es nur vier endemische Arten. Der Naturfreund mahnt mit einer Aussage des bekannten kanarischen Biologen Pepe Casanova: „Wenn sie hier verschwinden, verschwinden sie von unserem gesamten Planeten.“

Israel Palmero de la Rosa strahlt in jedem Moment Leidenschaft und Begeisterung für das Anaga-Gebirge aus und für die einzigartige Natur auf Teneriffa. Unter diesen Gesichtspunkten wirken die jüngst erwägten Beschränkungen für das Naturschutzgebiet nur folgerichtig.

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