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Mittwoch, 19. August 2026
Meinung & Kommentar

Franco-Denkmal: Die Kanaren machen sich lächerlich

Die Kanaren können sich nicht dazu durchringen, das Denkmal für einen Massenmörder zu entfernen. Ein Volk zwischen Stockholm-Syndrom und Geschichtsvergessen.

Ein Denkmal für Adolf Hitler in einer deutschen Landeshauptstadt ist bei aller politischer Debatte glücklicherweise undenkbar. In Teneriffas Hauptstadt Santa Cruz hingegen kann sich auch ein gutes halbes Jahrhundert nach dessen Tod niemand dazu durchringen, das mit dem früheren spanischen Diktator und Massenmörder Francisco Franco assoziierte Denkmal abzubauen. Der Streit geht in die nächste Runde.

Der Bürgermeister von Santa Cruz, José Manuel Bermúdez, spricht vom „Kulturerbe“. Seine Partei, die Coalición Canaria (CC), wurde gegründet, nachdem die Franco-Diktatur endete. Die Erinnerung an die Zeit davor scheint auch in der CC zu verblassen.

Auslöser ist seit Jahrzehnten der Franco gewidmete Siegesengel von Juan de Ávalos. Das Denkmal steht nahe dem Hafen von Santa Cruz an der der Avenida de Anaga. Während mit dem Diktator assoziierte Kunst in manch spanischem Stadtbild verbleibt, finden sich auf den Kanaren immer neue Wege, das Denkmal sogar schönzureden. Die Debatte gleicht einem Armutszeugnis.

Denkmal für einen Diktator – in Spanien normal?

Die Präsidentin Teneriffas, Rosa Dávila, schlug vor knapp zwei Jahren in Begleitung ihres Vizes vor, die Hausgroße Installation in „Denkmal der Eintracht“ umzubenennen. Die Politikerin wollte damit Aktivisten den Weg verbauen, das Denkmal abreißen zu lassen. Im Gegenteil sollte es so auf die Liste zu schützender Güter von kulturellem Interesse (BIC) gehoben werden. Damit wäre der Stadt die Verantwortung entrissen und an die Insel übertragen worden.



Auch zwei Jahre später ploppt das Denkmal immer dann auf, wenn auf den Kanarischen Inseln gerade keine akuten Herausforderungen, von großen Waldbränden bis zur Migration, zu behandeln sind. Dabei geht es um mehr als ein Sommerloch-Thema. Teneriffa, die Kanarischen Inseln und Spanien allgemein müssen sich die Frage gefallen lassen, warum sie es nicht schaffen, alle Denkmäler für einen der größten Mörder der spanischen Geschichte abzureißen.

Immerhin fand sich inzwischen eine Mehrheit, so dass sich auch Madrid einschalte und den Rückbau anordnen konnte. Doch in der Vergangenheit fand sich stets auf nationaler, regionaler oder kommunaler Ebene eine Mehrheit gegen den Abriss. Diesmal ist es die Stadt, die nun durch ihr Oberhaupt auf den Denkmalschutzrat verweist. Bermúdez sagte Atlantico Hoy: „Bei der Sitzung geht es nicht nur um die Entscheidung über die Aufnahme des Monuments in den Katalog. Es geht auch um die Bereitstellung von Informationen für den Katalog“. Mit anderen Worten: Diesmal sucht Santa Cruz nach einem Hebel, das Denkmal zu retten.

Kanaren ehren lieber einen Diktator, als klare Kante zu zeigen

Es ist nur schwer denkbar, dass sich wesentliche Teile eines Volkes im Stockholm-Syndrom befinden, bei dem sich die Opfer emotional an ihren Peiniger binden. Die Debatte steht stattdessen Synonym für die Politik des 21. Jahrhunderts: Klare Kante wie einst gibt es nicht mehr. Viel mehr wird jede Einzelfallentscheidung gegen aktuellen Zeitgeist und möglichen Stimmverlust abgewogen.

Rund um den Erhalt des Franco-Denkmals engagieren sich die Nachkommen des Künstlers. Es engagieren sich Politiker, die keine Stimmen verlieren möchten. Und es treten neue Konservative in den Vordergrund. So bezeichnen sich oft diejenigen, die „nicht alles schlecht“ fanden an einer Zeit, die sie selbst nicht erlebt haben und in der Menschen für ihre persönliche Meinung auf offener Straße erschossen werden konnten. Oder – wie auf Teneriffa – zum Teide deportiert, dort umgebracht und in alte Lavahöhlen geworfen wurden. Nur um sie sollte es gehen: die Opfer dieser Zeit und ihr Gedenken.

Die Kanaren würden gut daran tun, endlich eine einheitliche Entscheidung gegen Francos Erbe zu treffen. Doch wenn der Bürgermeister der Stadt, in der das Denkmal für einen Massenmörder steht, stattdessen sagt, es sei „natürlich ein Denkmal für Franco, aber ich engagiere mich in dieser Angelegenheit nicht ideologisch, sondern aus Gründen des Kulturerbes“, dann ist das, als würden Hitlers Hobbymalerien aus ästhetischen Gründen im Reichstag aufgehängt oder „Mein Kampf“ als einwandfreie Meinungsäußerung veröffentlicht.

Womöglich ist es tatsächlich an der Zeit, die Debatte zu erweitern: Dringender Gesprächsbedarf scheint beispielsweise rund um den spanischen Geschichtsunterricht zu bestehen.

Kommentare (4)
  • S Silbertanne 15.8.2026, 9.11 Uhr

    Ob das in Deutschland denkbar wäre? Was soll dieser Vergleich eigentlich aussagen?

    Die Spanier sind anders und möchten – so ist jedenfalls mein Empfinden – das Denkmal vielleicht gerade deshalb so lange stehen lassen, bis die Geschichte dieser Zeit wirklich aufgearbeitet ist.

    Denn ein Denkmal zu entfernen und eine Vergangenheit innerlich aufzuarbeiten sind zwei völlig verschiedene Vorgänge. Das eine ist sichtbar und politisch relativ einfach. Das andere betrifft das Bewusstsein einer ganzen Gesellschaft und kann Generationen dauern.

    Ein Denkmal muss dabei nicht zwangsläufig ein Denkmal für einen Diktator sein. Es kann auch ein Zeuge einer Zeit sein. Entfernt man es, beseitigt man zwar das sichtbare Zeichen – aber weder die Geschichte noch das, was diese Geschichte in den Menschen hinterlassen hat.

    Gerade der Deutschlandvergleich macht das deutlich: Deutschland hat nach dem Nationalsozialismus sehr viel dafür getan, die sichtbaren Symbole dieser Diktatur zu beseitigen. Trotzdem würde wohl niemand behaupten, dass damit auch das Denken, das diese Diktatur möglich gemacht hat, aus der Gesellschaft verschwunden ist. Die Anhänger eines Diktators verschwinden nicht einfach mit seinen Denkmälern.

    Und genau darum geht es für mich. Nicht um eine bestimmte Partei oder politische Richtung, sondern um etwas viel Tieferliegendes: um das Unbewusste, das eine Gesellschaft aus ihrer Geschichte weiter in sich trägt. Das Sichtbare lässt sich entfernen. Das Unsichtbare aber bleibt, solange es nicht wirklich erkannt und aufgearbeitet wurde.

    Vielleicht ist es deshalb manchmal wichtiger, ein unbequemes Denkmal stehen zu lassen und sich ehrlich zu fragen, was es in uns noch immer berührt, als es einfach verschwinden zu lassen und damit zu glauben, die Geschichte sei damit vorbei.

    Noch eine kurze Randnotiz: Es wäre wunderbar, wenn die Deutschen andere Länder und Kulturen mit ihrer Impertinenz, es vermeintlich besser zu wissen, einfach einmal in Ruhe ließen. Spanien hat seinen ganz eigenen Umgang mit seiner Geschichte – ein besonderes, vielschichtiges System, das man vielleicht erst verstehen sollte, bevor man es beurteilt.

    Mit freundlichen Grüßen

  • P Pedro 15.8.2026, 9.39 Uhr

    Als Betroffener sehe ich keine Besserwisserei. Es ist ein Meinungsartikel, der Kritik daran äußerst, dass immer neue Einflüsse aufkommen, einen längst beschlossenen Abbau zu sabotieren. Impertinent ist es, wenn ein mit dem Abbau beauftragter Bürgermeister seiner Aufgabe nicht nachkommt, sondern diese als „ideologisch“ abtut und den Prozess aus Gründen des „Kulturerbes“ blockiert.

    Deutschland hat es geschafft, Denkmäler für die NS-Zeit abzubauen und zugleich Denkmäler dagegen zu behalten. Genannt seien beispielsweise Buchenwald oder Auschwitz. Das ist ein vorbildlicher Umgang, der gar nicht einfordert, damit auch die Ideologie loszuwerden. Dieser Umgang sorgt für Erinnerungskultur und baut zugleich Pilgerstätten ab. Das würde uns Kanarios guttun.

    Nach meinem Verständnis erhebt sich hier niemand über eine andere Kultur, sondern kritisiert die Politik dafür, immer neue Ideen zu finden, einen amtlichen Beschluss auszubremsen. Für mich ist das klassischer Journalismus. Und guter Journalismus sollte nicht an Staatsbürgerschaften oder Grenzen gemessen werden.

  • S Silbertanne 15.8.2026, 13.24 Uhr

    „Die Würde des Menschen ist unantastbar“ und solange ein Journalist diesen Grundsatz nicht beherrscht, ist es meines Erachtens kein guter Journalismus. Er legt sein Herz nicht schützend über das Volk, sondern möchte die Masse auf populistische Weise an sich binden. Ein guter Journalist sollte jederzeit in der Lage sein, seine Meinung sachlich und mit höchstem Anstand zu vertreten, denn sonst ist er joa nicht besser als der Staat, den er beklagt.

  • S SantiagoDelTeide 15.8.2026, 15.56 Uhr

    Wenn ich war viele Jahre in Deutschland, es hiess immer wir Spanier sind heissbluetig. Ich glaube, das hat sich geaendert. Heute haben wir viele Diskussionen, auch mal hart. Aber ich habe das Gefuehl ihr Deutschen habt mehr Probleme damit eine andere Meinung auszuhalten. Es ist doch ein editorial. Und die sind Meinung. Ich muss nicht die gleiche Meinung sein und kann trotzdem sie aushalten. Vielleicht das hat sich geändert und heute seit ihr die heissbluetigen?

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