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Dienstag, 29. September 2026
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Leser schreiben für Leser

Baden im «Klärbecken» Teneriffa – das sagt ein Mediziner

Die Kanarischen Inseln haben ein Abwasser-Problem. Unser Leserreporter beobachtet das Thema schon lange. Er hat über Jahre Fotos gemacht. Als praktizierender Arzt schätzt er die Lage ein und gibt Tipps.

Von Christoph Schönle

An allen Kanarischen Inseln wurde Abwasser seit Jahrhunderten von den Dörfern an der Küste ins Meer geleitet. Der Meeresgrund fällt meist tief ab und so sind die Unannehmlichkeiten der Dörfer entsorgt, wenn das verwendete Rohr nur lang genug ist.

Allerdings, wenn man das Abwasser nicht direkt am Strand ins Meer laufen lässt, sondern ein langes Rohr benutzt, so muss man bedenken, dass ein 1000 Meter langes Rohr bei einem angenommenen Winkel des Gefälles des Meeresgrundes von 45 Grad das Abwasser in der Tiefe senkrecht in nur 707 Metern von der Küste an die Oberfläche sprudeln lässt (nach dem Satz des Pythagoras). Dabei wird das wärmere und im Vergleich zum Salzwasser leichtere Abwasser wieder senkrecht an die Oberfläche steigen und sich dort ausbreiten.

Ähnlich wurde in der deutschen Stadt Kiel das gesamte Abwasser noch in den 1950er-Jahren an die Küste zum Küstenort «Bülk» gepumpt und von dort ohne Klärung in einer längeren Leitung ins Meer entlassen. Bei Windstille breitete sich auf der Meeresoberfläche dort eine braune Verfärbung aus. Regelmäßig konnte man dann, etwa 800 Meter von der Küste entfernt, einen Schwarm Möwen beobachten, der dort als große Gruppe schwamm, um das ein oder andere Fundstück zu verzehren. Denn bei direkter Abwassereinleitung werden neben den Exkrementen und Artikeln der Hygiene auch Essensreste und Fettklumpen sowie tote Tiere ins Meer gespült.



Möwen verraten Abwasser – auch vor den Kanaren

Gleichartige Möwenschwärme findet man auch an der Küste von Teneriffa, wo sich an einigen Abwassereinlässen in einer Entfernung von mehreren Hundert Metern viele schwimmende Möwen in einem engen Bereich auf dem Meer aufhalten.

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In La Caleta, Teneriffa, liegt eine Tür direkt am Ufer. Die Verbotsschilder zeigen giftige Dämpfe, biologische Gefahren, Infektionsgefahr. Es wird sich hier mit höchster Wahrscheinlichkeit um eine Leitung ins Meer mit ungeklärten Abwässern handeln. Diese Schilder standen dort genauso auch schon vor zehn Jahren.

 

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Bild vom 2.3.2026 mit Zoom: Seevögel sitzen etwa 800 Meter von dieser Tür entfernt regelmäßig vor der Küste.

Dass meist ungeklärtes Abwasser an vielen Stellen Teneriffas ins Meer fließt, oder auch gepumpt wird, kann man beispielsweise direkt am Sandstrand vor dem Hotel «Playa Sur» in El Médano bei einem kleinen Betonkasten sehen. Als wir im Dezember 2021 im Hotel wohnten und das Abwasser aus der Toilette nicht mehr ablief, kam wenige Stunden später ein Trupp, der diesen Betonkasten öffnete und reparierte. Sowohl im Hotel als auch in der Nähe dieses Betonkastens roch es stark nach Abwasser.

Nach einigen Stunden zogen die Handwerker vom Strand ab und die Toilette funktionierte wieder. Daraus kann geschlossen werden, dass sich in diesem Betonkasten eine Pumpe für ungeklärtes Abwasser befindet, das aber nicht in eine Kläranlage nach oben (beispielsweise nach San Isidro), sondern direkt in die Bucht von El Médano gepumpt wird.

Gerade dort ist auf den offiziellen Abwasserkarten ein Abwassereinlauf ins Meer verzeichnet. Es ergibt sich die Frage, wie weit das Rohr hinaus ins Meer reicht. Und da dort eine große Bucht ist, könnte es sein, dass das Wasser nicht durch Strömungen weiter hinausgetragen wird, sondern eventuell in der Bucht zirkuliert. Besonders bei auflandigen Wellen wird das Oberflächenwasser sicher zügig wieder an Land transportiert.

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Der Strand von El Médano am 18.12.2021.

 

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Gleiche Stelle am Strand am 21.12.2021, als das Abwasser im Hotel Playa Sur nicht mehr abfloss und sowohl im Hotel als auch an diesem Betonbau am Strand ein Abwassergestank in der Luft lag. Mit großer Wahrscheinlichkeit handelt es sich um eine Pumpstation, die das ungeklärte Abwasser in die Bucht von El Médano pumpt.

 

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Offizielle Karte der nicht genehmigten Abwasserrohre in der Bucht von El Médano. Der rote Punkt am südlichen Rand dürfte der oben beschriebenen Pumpstation entsprechen.

Ob die Abwassereinleitungen genehmigt, nicht genehmigt oder gar nicht registriert sind, ist eigentlich unwichtig. Viel entscheidender ist das Wissen, ob es sich um geklärte oder ungeklärte Abwässer handelt. Es steht aber zu befürchten, dass fast alle dieser Einleitungrn völlig ungeklärt sind – auch in El Medano (siehe weitere rote Einleitungen auf dieser Karte).

Außerdem gibt es wohl eine ganze Reihe von unterirdischen, bis ins Meer vergrabenen Rohren, die offiziell gar nicht bekannt sind. So ist im Naturschutzgebiet bei La Tejita, direkt an der Montana Roja, ein hellblaues Kunststoffrohr im Sand vergraben, das man nur beim Schnorcheln in etwa zwei Metern Tiefe sehen kann. Mit großer Wahrscheinlichkeit ist dies ein Abflussrohr in die große Sandbucht:

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Bucht im Naturschutzgebiet La Tejita bei El Médano. In etwa 2 Metern Wassertiefe ist hier ein Teil eines hellblauen großen Rohres zu sehen.

Vergleicht man die Abwassereinlässe auf den offiziellen Karten von Teneriffa, Lanzarote, Fuerteventura und Gran Canaria, fällt auf, dass sich die meisten Abwassereinleitungen ins Meer auf Teneriffa befinden. Das liegt daran, dass die hohen Berge an ihren Abhängen viele Siedlungsmöglichkeiten bieten. Schöne Städte mit Blick aufs Meer sind so entstanden. Natürlich müssen auch deren Abwässer entsorgt werden. Das geschieht wohl vereinzelt über Kläranlagen, die aber wohl recht spärlich verteilt sind. Also fließt auch von diesen größeren Orten an den Hängen das meiste Abwasser an die Küste. Die EU hat seit einigen Jahren hohe Geldstrafen wegen Kläranlagen-Mangel für Teneriffa verhängt. Aber die Planung und der Ausbau an Kläranlagen ist bisher nur sehr spärlich vorangekommen.

Dagegen hat der Tourismus deutlich zugenommen: Mehr als neun Millionen Touristen besuchen Teneriffa pro Jahr. Während die kulinarische Versorgung gut gewährleistet ist, bleibt die Entsorgung völlig ungeklärt. Im wahrsten Sinn des Wortes. Gerade auch am und teilweise im Naturschutzgebiet bei La Tejita wird ein monströses Superhotel direkt am Meer gebaut.

Wie die Abwasserentsorgung dafür geplant ist, bleibt unklar. Es gibt wohl ein Abwasserrohr unter einem kleinen Weg, das oben an der Straße Avenida de los Abrigos hinunter zum Meer und zum Hotel abzweigt. An den Kanaldeckeln auf dem Weg kann man das Abwasser riechen. Also ist das Rohr belüftet. Doch damit ist es nicht in der Lage, das Abwasser vom künftigen Hotel hoch zur Abwasserleitung an der Straße zu pumpen. Auch hier werden die Hinterlassenschaften wohl mehr oder weniger ungeklärt direkt ins Meer des Naturschutzgebietes fließen.

Die Kanaren und ihre Abwasser-Entsorgung

Dieser Beitrag beschreibt nur kleinräumige Beobachtungen im Süden von Teneriffa. Liest man jedoch die Berichte der Aktivisten, die sich gegen die Abwasserkatastrophe auf Teneriffa wehren, sieht man, dass quasi überall das gleiche Prinzip, nämlich ungeklärtes Wasser direkt ins Meer zu leiten, vorhanden ist.

Das ist aus medizinischer Sicht bedenklich. Das Abwasser, das normalerweise in einer Kläranlage durch mechanische Filter, durch Abbau der Verunreinigungen in mehreren biologischen Becken mit Klärschlamm, Filteranlagen, Faultürmen und so weiter stufenweise gereinigt wird, fließt auf den Kanarischen Inseln häufig direkt ins Meer. Und damit finden sich im Meerwasser nicht nur Bakterien aus Feld, Wald und Wiese, sondern Bakterien aus dem menschlichen Darm, wie beispielsweise E. coli, die für die Darmflora nützlich sind, aber durchaus gefährlich werden können, wenn sie in Augen, Rachen, Gehörgang oder Lunge gelangen. Ganz zu schweigen von anderen krankmachenden Keimen; während der Coronapandemie wurde ja anhand der Virenkonzentration in Kläranlagen die Erkrankungsrate der Bevölkerung eingeschätzt. Bakterien, Viren und viele Parasiten fühlen sich im Abwasser und auch im Meerwasser wohl.

Der Mensch hat zwei Oberflächen, die mit Bakterien besiedelt sind: Erstens die Haut, auf der sich viele – meist harmlose – Bakterien tummeln, zweitens die innere Oberfläche, also den Verdauungstrakt, in dem sich eine Reihe von aggressiven Bakterien aufhalten. Das ist nicht schlimm, wenn die Darmbakterien nicht weiter in den Körper eindringen. Gelangen sie jedoch in die Blase, ins Blut oder die Lunge, können schwerwiegende Krankheiten entstehen. Ohne innere Verletzung oder Operationen bleiben die Darmbakterien aber dort, wo sie hingehören und können kaum Schaden anrichten.

Allerdings können durch das Verschlucken oder sogar Einatmen von Darmbakterien gefährliche Lungenentzündungen auftreten. Dies kann beispielsweise beim Schwimmen in den Wellen mit dem Einatmen von verschmutzter Gischt geschehen.

Abwasser als Grund für Lungenentzündungen möglich – wie in diesem Beispiel

Als Arzt ist mir in El Médano aufgefallen, dass bei zwei zuvor völlig gesunden, sportlichen Menschen ähnliche Symptome einer bakteriellen schweren Lungenentzündung aufgetreten sind. Ein Sportler war im Oktober 2023 und eine Sportlerin im November 2024 im Meer am Strand von La Tejita zum Schwimmen und Schnorcheln.

Bei beiden waren einige Tage später Symptome zu bemerken, die für eine sogenannte atypische Pneumonie sprachen: Die Beschwerden traten schleichend ein und begannen mit einem zunehmenden Hustenreiz ohne Auswurf. Es waren keine Halsschmerzen, Nasen- oder Kieferhöhlenentzündung vorhanden. Auch eine Bronchitis trat nicht auf. Beim Abhören der Lunge mit einem Stethoskop konnten bei einem Patienten Rasselgeräusche und ein Brodeln im rechten Mittelfeld der Lunge, bei der Patientin im linken Unterfeld gehört werden. Die Bronchien waren frei. Es bestand kein Fieber, aber eine starke körperliche Abgeschlagenheit und Kraftlosigkeit für etwa drei Wochen.

Die Tests auf Corona sowie Influenza A und B waren negativ. Ein Entzündungswert im Blut (CRP) war stark erhöht. In einem Fall nach einer Woche, im anderen nach zehn Tagen wurde mit einer intensiven Antibiotikagabe (Azithromycin) begonnen. Die Symptome besserten sich schon nach einem Tag. Zwei Tage später waren die Rasselgeräusche in der Lunge bei beiden Erkrankten verschwunden. Die Abgeschlagenheit dauerte noch eine weitere Woche an. Damit ist klar, dass es sich um bakterielle Lungenentzündungen handelte.

Es lässt sich nicht beweisen, dass diese Krankheiten auf das Abwasser im Meer zurückzuführen sind. Das liegt daran, dass eine genaue Bakterienanalyse aus dem Blut oder Auswurf bei den Erkrankten auf Teneriffa nicht möglich war. Doch es wäre äußerst sinnvoll, dies als Forschungsprojekt bei erkrankten Surfern, Schwimmern oder Tauchern durchzuführen. Einige Surfer und Schwimmer im Gebiet von El Médano berichten auch von Augen- und Ohrenentzündungen, Schwellungen der Lymphknoten im Halsbereich oder von Durchfällen.

Die Abwässer und Fäkalien an den Stränden rund um Teneriffa sind eine eklige und wahrscheinlich auch gesundheitsgefährdende Angelegenheit. Außerdem ist gerade bei den Darmbakterien (vor allem bei E. coli, Klebsiellen, Enterococcus faecalis) eine zunehmende Resistenz gegen Antibiotika festzustellen (Quelle: Noll, Ines; Eckmanns, Tim: Deutsches Ärzteblatt, 2018). Das kann in Zukunft dazu führen, dass Infektionen mit diesen Keimen nur noch schwierig oder gar nicht mehr behandelbar sind.

Kanaren-Abwasser: Worauf Sie achten sollten

Wenn man ohne Wunden in diesem Meerwasser badet, ohne den Kopf unterzutauchen, wird wahrscheinlich nicht viel passieren. Sobald jedoch eine höhere Konzentration der Krankheitserreger verschluckt oder eingeatmet wird oder in die Augen, Gehörgänge oder den Nasenraum eindringt, kann es zu schweren Infektionen kommen. Dazu zählen Entzündungen des Gehörganges, der Augen und des Rachenraums, doch auch Lungenentzündungen, Magen-Darminfektionen oder sogar Gehirnentzündungen sind möglich. Gerade das Schwimmen im aufgewühlten Meer kann zu bakteriellen oder viralen Lungenentzündungen führen, wenn Tröpfchen eingeatmet werden.

Eine genaue Statistik wäre wichtig, um die Krankheitshäufigkeit und auch die Analyse der pathogenen Bakterien und Viren zu evaluieren. Da aber die meisten Touristen nur ein bis zwei Wochen auf Teneriffa bleiben und sich dann wieder über Europa verteilen, sind genaue Daten nicht erhältlich.

Das Gesundheitsamt auf Teneriffa untersucht die Strände regelmäßig. Dabei wird aber wohl nur an einer Stelle alle paar Wochen jeweils die Konzentration von Colibakterien geprüft, alle anderen pathogenen Viren, Bakterien oder Parasiten bleiben unerkannt.

Es ist daher sehr empfehlenswert, beim Baden im Meer vor Teneriffa nicht mit dem Kopf unterzutauchen. Vor allem bei auflandigem Wind sollte man nicht in der Nähe von Abwassereinleitungen baden. Außerdem sollte man den Geruch des Meerwassers (faulig?) sowie auch seine Verfärbung (braun), eine eventuelle starke Schaumentwicklung beachten. Auch der Bewuchs von Felsen mit vielen grünen Algen ist ein Zeichen einer Überdüngung, wie es beispielsweise an der Hafenmole von El Médano zu sehen ist.

Wer Zweifel hat, sollte auf den Kanaren vielleicht lieber einfach einen Hotelpool vorziehen.

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Wasserqualität an den Stränden der Kanaren
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