Corona auf den Kanaren: Gran Canaria fordert, Teneriffa zu opfern


Teneriffa sorgt weiter für hohe Inzidenzwerte auf den Kanarische Inseln. Auch La Gomera liegt weit oberhalb des Schwellwerts. Das führt zu schlechten Werten für den gesamten Archipel. Lokale Hoteliers und Gastronomen fordern nun, Teneriffa von den anderen Inseln zu entkoppeln, um möglichen Reisewarnungen zu entgehen. Die regionale Führung lehnt das ab.

Lesedauer: 3 Min.

Gilt in der Pandemie das Solidaritätsprinzip, oder muss jede Insel selbst schauen, wie sie möglichst viele Touristen ansprechen kann? Mit dieser Frage beschäftigen sich derzeit lokale und die regionale Geschäftsleute und Politiker auf den Kanarischen Inseln. Noch im Sommer stand Gran Canaria klar für das damals eingeschlagene Solidaritätsprinzip. In der Wintersaison möchte die Insel hingegen nichts mehr davon wissen.

Die kumulative Inzidenz gibt die Zahl der Erkrankten pro 100.000 Einwohner in einem Zeitraum von sieben Tagen an. War es damals noch die runde Insel, die mit einem Spitzenwert von 179 für schlechte Inzidenzwerte auf dem gesamten Archipel sorgte und damit Reisewarnungen in verschiedenen europäischen Ländern auslöste, ist es diesmal Teneriffa. Die größte der Kanarischen Inseln meldete Anfang der Woche eine kumulative Inzidenz von 115. Inzwischen ist diese auf 110 gesunken. Dennoch fordern vor allem Geschäftsleute auf Gran Canaria, dass Teneriffa entkoppelt werden soll.

Mögliche Reisewarnungen würden dann pro Insel erhoben. Gran Canaria dürfte also mit einer derzeitigen Inzidenz von 23 ebenso weiter Touristen empfangen, wie Lanzarote (16), Fuerteventura (9), La Palma (36) und El Hierro (0), während Teneriffa und La Gomera (116) zur Sperrzone würden.

Die regionale Tourismusministerin Yaiza Castilla lehnt eine solche Trennung kategorisch ab. Die Kanarischen Inseln seien eine „regionale Marke“ und würden bei einer Trennung an Stärke verlieren, sagte sie.

Gran Canarias Geschäftsleute fordern Trennung von Teneriffa

Der Vizepräsident der Föderation der Unternehmer in Gastgewerbe und Tourismus (Feht), Tom Smulders, erinnert sich ebenfalls nicht mehr an die Solidarität aus dem Sommer. Auch der auf Gran Canaria ansässige Hotellerie-Experte stellte nun, da seine Wahlheimat nicht mehr der wesentliche Treiber der aktuellen Zahlen ist, sein eigenes Interesse über das der kanarischen Gemeinschaft. Smulders schlug vor, die Touristen entsendenden Länder aus Gründen der Fairness über die Inzidenzwerte der einzelnen Inseln zu informieren und nicht länger auf ein kanarisches Gesamtbild zu setzen.

Smulders bekommt Rückendeckung vom Präsidenten der Tourismuskommission auf Gran Canaria: Santiago de Armas plädierte ebenfalls dafür, die Inseln mit geringer Corona-Verbreitung herauszustellen. Die Handelskammer teilte mit, den Kontakt zur Verwaltung Gran Canarias gesucht zu haben, damit diese die Konsulate der Touristen entsendenden Länder informiert. Damit solle klargestellt werden, dass die eigene Insel weiter sicher sei.

Castilla stellte hingegen vehement heraus, dass die Inseln „viel Kraft verlieren“, sobald sich jede in Eigenregie darstelle. „Es wird keine Differenzierung nach Inseln geben“, sagte sie bestimmt. Auch die Prognose der Politikerin fiel weniger dramatisch aus: „Ich glaube nicht, dass wir uns einer zweiten touristischen Null nähern.“ Auch wenn die Situation im Dezember natürlich „überhaupt nicht vielversprechend“ sei.

Solidaritätsprinzip gleicht Spitzenwerte aus – Trennung gefährdet Reisefreiheit

Neutral betrachtet mutet es tatsächlich egoistisch an, dass die Insel mit der bisher unerreichten Rekord-Inzidenz Forderungen dieser Art stellt. Auf den ersten Blick verlieren Teneriffa und La Gomera nichts, wenn eine Reisewarnung für beide Inseln verhängt wird, während die anderen weiter Touristen empfangen dürfen. Doch bei genauerem Hinschauen gilt das nur, wenn eine Reisewarnung tatsächlich unerlässlich wird.

Denn auf der anderen Seite ist es wahrscheinlicher, dass die Inseln in eine Beschränkung rutschen, wenn sie getrennt werden. Archipelweit stehen die Zahlen derzeit bei 60,5. Das europäische Festland liegt hingegen weit oberhalb des Grenzwerts von 50, was eine Reisewarnung weniger wahrscheinlich macht. Somit profitieren Teneriffa und La Gomera derzeit von den niedrigen Zahlen der anderen Inseln. Und auch künftig werden die Zahlen durch die Gesamt-Betrachtung deutlich weniger sprunghaft.

Unter diesen Gesichtspunkten erscheint die Haltung der regionalen Politik logisch. Zumal eine eine Trennung auch ein Präzedenzfall für künftige Diskussionen wäre – nicht nur auf gesundheitlicher Ebene.

Dennoch bleibt selbstverständlich die latente Gefahr, wieder als unsicheres Ziel gewertet zu werden. Großbritannien strich die Kanarischen Inseln zuletzt von der Liste der sicheren Urlaubsgebiete. Auch in Deutschland ist dieser Schritt ab einer Inzidenz von mehr als 50 denkbar. Allerdings betonte die Regierung in Berlin bereits, dass die eigene Situation bei solchen Entscheidungen berücksichtigt werde. Und in Deutschland liegt die Inzidenz derzeit bei 174. Eine Reise sowohl auf die Kanaren allgemein als auch speziell nach Teneriffa wäre daher ins Verhältnis gesetzt weiterhin nicht gefährlicher als der Verbleib in der Heimat.

Lesen Sie jetzt:

Mehr aktuelle Nachrichten finden Sie jetzt hier.

Nicht verpassen:
Bestellen Sie jetzt unseren kostenlosen Newsletter und bleiben Sie stets up to date!


Über den Text

Corona auf den Kanaren: Gran Canaria fordert, Teneriffa zu opfern

wurde veröffentlicht in: Aktuelles, El Hierro, Fuerteventura, Gran Canaria, Kanaren, La Gomera, La Graciosa, La Palma, Lanzarote, Teneriffa, Teneriffa Nord, Teneriffa Süd

Beitrag teilen:
Über den Autor

Johannes Bornewasser ist Herausgeber von Teneriffa News. Er hat zudem die redaktionelle Verantwortung inne. Zu seinem Autorenprofil geht es hier.

Leserkommentare

Als Abonnent können Sie unsere Beiträge kommentieren. Hier finden Sie unsere Abos. Wenn Sie bereits Abonnent sind, können Sie sich hier einloggen.