Im Überlebensmodus – wie Corona die Kanaren lahmlegt


Ein Archipel wie im Wachkoma: Lebendig, aber regungslos. Am fast leeren Tropf des Tourismus hängend, befinden sich die Kanarischen Inseln in einem wirtschaftlichen Überlebenskampf. Unser Autor hat auf Teneriffa Einheimische getroffen und sie in ihrem Alltag begleitet. Die Gespräche geben einen Einblick in die Gefühlslage Betroffener und die aktuelle Situation eines Touristen-Hotspots ohne Besucher.

Lesedauer: 19 Min.

„Eines Tages“, sagt Oliver, „möchte ich da unten beerdigt werden.“ Er zeigt auf einen weißen Fleck direkt an der Steilküste und fügt an: „Es ist der Friedhof mit der schönsten Aussicht überhaupt.“ Ob es nicht etwas frustrierend sei, auf ein Milliardengrab zu schauen, wird er gefragt. Oliver überlegt, lacht dann und fragt zurück: „Wegen der Schiffe? Ja, die Gesellschaften können einem wirklich leidtun:“

Oliver Rodriguez ist waschechter Tinerfeño, wie die Einwohner Teneriffas genannt werden. Ein lebenslustiger junger Mann. Er lacht viel. Das ist seine Natur. Trotzdem wirkt er manchmal nachdenklich. Denn er gehört zu den abertausenden Kanarios, die momentan nicht arbeiten können. Auch sein Job hängt am Tourismus. Und so kann er sich mit all jenen identifizieren, die eigentlich auf den sechs verwaisten Kreuzfahrtschiffen arbeiten sollten, auf die er nun schaut.

Sinnbild der Krise

Die Szenerie wirkt surreal. Die Schiffe liegen nur wenige Hundert Meter von Teneriffas Küste entfernt vor Anker und drehen sich nahe der Playa de las Teresitas, dem vielleicht bekanntesten Strand der Insel, im Beisein ihrer Konkurrenz langsam im Wind. Eigentlich müssten sie ein paar Kilometer weiter im Hafen andocken und das große Geschäft mit ihren durchchoreographierten Tagestouren machen. Doch genau wie Teneriffas Hotels, sind auch die schwimmenden Vergnügungsmaschinen verwaist. Und aus Kostengründen ankern sie nun hier.

Die lokale Wirtschaft ist auf die abertausenden Kurzzeit-Gäste ausgelegt. Teneriffas Hauptstadt merkte das Wegbleiben schon früh. Bisher mussten bereits rund 500 Geschäfte schließen. Sie lebten zu teils beträchtlichen Anteilen von der Kaufkraft der Kreuzfahrer. Lokale Einzelhandelsverbände rechnen mit weiteren Schließungen. Und auch die hier lebenden Mitarbeiter der großen Reiseunternehmen, die im Auftrag die Tagestouren zu bekannten Punkten der Insel anbieten, haben nichts zu tun. Denn die Schiffe bringen seit Monaten keine Besucher mehr.

Als Arbeitslosigkeit und Kurzarbeit kamen

Oliver hat an diesem Tag Zeit. „Eigentlich habe ich jeden Tag Zeit“, sagt er. Denn er bezieht ERTE, eine Art Pendant zum deutschen Kurzarbeitergeld. Unter normalen Umständen würde er jetzt in der Seilbahnstation auf dem Teide, Spaniens höchstem Berg, stehen. Er ist einer der Mitarbeitenden mit direktem Touristenkontakt. Sie helfen bei Fragen oder Problemen und kassieren auch manchmal. Auf die ganzen Geschichten und Eigenarten der verschiedenen Nationalitäten seiner Gäste angesprochen, lacht er nur. Es ist ein Lachen, das vieles erahnen lässt, aber doch nichts verrät. Denn Stereotypen mag er nicht.

Was er hingegen mag, das ist sein Job. „Der mit Abstand beste der Welt“, sagt Oliver. „Also normalerweise.“ Denn jetzt gehört er zu den Verlierern der Corona-Krise auf den Inseln. Seine Arbeitszeit wurde auf null gestellt. Und das ist auf mehreren Ebenen schmerzlich. Denn er liebt die morgendlichen Fahrten zum Teide hoch. „Kein Tag ist gleich – auch wenn meine Freunde denken, dass die Stunde Fahrt langweilig ist.“ Noch im Januar hat er sich extra dafür ein neues Auto gekauft. „120 Caballos“, ordnet er die Leistung seines Motors ein. In einem Eifel-Dorf würde das unter den Jugendlichen als Angeberei gelten. Doch wer den Aufstieg zum Teide einmal untermotorisiert hinter sich gebracht hat, versteht schnell, warum Oliver genau dieses Detail erwähnt.

Viele der oft schwachbrüstigen Mietwagen stehen derzeit still. Im Hinterland des Flughafens gibt es einen Platz, an dem Dutzende Autos eng geparkt in der Sonne schmoren. Denn an Tourismus ist auf dem Archipel nicht ansatzweise in dem Maße zu denken, das der aktuellen Hauptsaison-Zeit gerecht würde. Alles begann zwei Monate nach Olivers Investition, als die Kanarischen Inseln von der Pandemie getroffen wurden. Und so werden auch nicht alle Mitarbeitenden an der Seilbahn-Station benötigt. Er stieß als letzter zu seinem Team. Und damit war klar, dass er auch der erste sein würde, der in Kurzarbeit geschickt wird.

Plan B gegen die Krise

Oliver erzählt das mit der Leichtigkeit, die vielen Tinerfeños nachgesagt wird. Doch er ist anders. Ihn scheint nichts aus der Ruhe zu bringen. Standfest ist er ohnehin. Seine amtlichen Waden lassen die Kilometer erahnen, die er schon in den Bergen seiner Heimat abgerissen hat. Doch anstatt auf die Krise zu schimpfen, schaut Oliver nach vorn. Nicht nur jetzt grade, auf die zusammen mehrere Milliarden Euro teuren Luxusdampfer, sondern auch bezogen auf sein Leben.

„Ich habe Tourismus studiert. Hier haben ja fast alle irgendwie damit zu tun“, sagt er. Bei ihm ist das trotzdem naheliegender. Denn seine Heimat ist zugleich seine größte Leidenschaft. „Ich brauche einen Plan B – falls ich meinen Job nicht zurückbekomme.“ Also fing er an, sein umfangreiches Wissen über Teneriffa zu professionalisieren. Auf der Rückbank seines Autos liegen mehrere Ringbücher. Er lernt aktuell sämtliche Hauptstraßen aller Inseln auswendig. Das sei Teil der Prüfung für die Touristenführer-Lizenz, sagt er. Die Freizeit für das Projekt habe er schließlich. Und damit könnte er sich selbstständig machen.

Der (noch) verhinderte Fremdenführer

Doch jetzt möchte er erst einmal weiterfahren. Der Weg führt über die Bergkämme des Anaga-Gebirges. Es bildet den nordöstlichen Zipfel Teneriffas. Und in der Region kennt Oliver jeden Stein. „Gleich kommt der ‚Wettertunnel'“, sagt er. Der Spitzname ist in der Lage begründet. Oft komme es vor, dass man bei Sonne in den Hügel hineinfahre und es auf der anderen Seite regne. Doch heute ist das anders. Der Himmel ist auf beiden Seiten gleich bewölkt. Es ist stürmisch. Und das ist sinnbildlich für die aktuelle Lage, in der die Kanarischen Inseln wegen der Covid-19-Pandemie stecken.

Oliver sagt, dass gleich ein Fels erscheine, der aussieht, wie ein Löwe im Profil. Und er hat Recht. Wie so oft an diesem Tag. Der 25-Jährige erklärt seine Heimat so souverän wie ein Touristenführer mit mehreren Dekaden Praxiserfahrung auf dem Buckel. Und doch wirkt er dabei keinen Moment abgeklärt. Im Gegenteil: Seine Art, die eigene Heimat zu beschreiben, ist lebendig und voller Anekdoten. Es ist eine aus Leidenschaft und Interesse entstandene Professionalität, die so niemand lernen kann.

Löwenfels Teneriffa Anaga-Gebirge

Mitten im Anaga-Gebirge auf Teneriffa steht ein Fels, der an einen Löwen im Profil erinnert. Foto: Johannes Bornewasser

Vorbei am „Löwen-Fels“ wird Olli, wie ihn einige Freunde nennen, nachdenklich. „Der Weg, den wir grade fahren, ist noch gar nicht so alt.“ Sein Opa stammt aus Taganana, dem Dorf, das die nächste Station sein wird. Dort habe er sich mal mit einer alten Dame unterhalten. Sie erlebte die Zeit, in der bitterste Armut herrschte. Die Frau musste ihr Kind beerdigen. Es war einfach verhungert. „Die Toten sind dann über Tage nach La Laguna auf der anderen Seite getragen worden“, sagt er. „Und wir fahren den Weg mal eben in ein paar Minuten mit dem Auto.“

Eine Krise in der Krise

Die traurige Geschichte bringt ihn auf das zweite, alles überstrahlende Thema dieser Tage auf den Kanarischen Inseln. Während er seinen gelben Flitzer mit dem geballten Kanaren-Wissen auf Fahrersitz und Rückbank die engen Bergpässe hinunter jagt, sagt Oliver: „Die Zeiten damals waren extremer. Die Menschen hatten ja wirklich nichts. Da konnte kein Nachbar dem anderen helfen. Es gab einfach gar nichts. Und heute? Heute geht es uns trotz Corona zumindest verhältnismäßig gut.“ Das sportlich abgestimmte Auto und die gut ausgebaute Bergstraße sind der unausgesprochene Beweis dafür.

Es störe ihn, dass rechtsextreme Parteien grade wachsenden Zuspruch haben. Bei der vergangenen Wahl holte die rechtspopulistische VOX zwar keinen Sitz, doch neben der gefühlten oder tatsächlichen Perspektivlosigkeit gehört vor allem das Thema Migration zu den Gründen. „Ja, es kommen viele Migranten an, derzeit. Aber anstatt sich aufzuregen, muss man doch darüber nachdenken, warum sie fliehen“, sagt Olli. Sie seien jetzt in einer ähnlichen Situation wie die eigenen Vorfahren vor Jahren. „Sich über Menschen aufzuregen, die nichts haben, verstehe ich nicht.“ Und die Leute in Kapitulation einfach auf die Straße zu setzen – zunächst sogar ohne Wasser oder einen Ratschlag – sei auch keine Lösung. Genau das nämlich tat die lokale Politik auf Gran Canaria kürzlich, nachdem die Aufnahmelager überliefen. Man schickte die Menschen wortarm weg. Hilfe? Fehlanzeige! Es ist genau das, was die kanarische Regierung grade auch Madrid vorwirft. Diverse Ersuchen laufen seit Monaten ins Leere.

Kürzlich habe er ein Video gesehen, auf dem gekenterte Migranten gerettet wurden. „Du siehst jemanden, der plötzlich schreit: ‚Wo ist mein Baby?‘ Mir ist das Herz gebrochen, weil die Antwort klar war“, sagt er und bleibt für einen Moment in sich gekehrt. „Europa braucht doch Lösungen – und keine Populisten, die nur die Probleme benennen, ohne echte Ansätze zu haben.“ Olivers Weltoffenheit und klare Haltung zum aktuellen Geschehen lässt fast vergessen, dass er gerade einmal 25 Jahre jung ist.

Sonnenuntergänge und Sandstürme

Nach kurzem Schweigen schaut er einmal mehr nach vorn. „Siehst du da diesen braunen Schimmer? Das ist eine Calima. Ein Sandsturm.“ Der Fingerzeig geht in Richtung Osten. Dort, ein Stück hinterm Horizont, liegt die Sahara. Und tatsächlich ziehen regelmäßig Sandstürme mit heißer, trockener Luft vom afrikanischen Kontinent über die Inseln. Oliver öffnet das Fahrerfenster und hält die Hand heraus. Er nickt bestätigend. „Fühl auch mal“, sagt er. „Es ist wirklich richtig warm, plötzlich.“

Aus dem Archiv: Calima über den Kanaren

Ohne darauf zu warten, möchte er nun wissen, wie die Deutschen eigentlich zu einem richtig entlegenen Ort sagen, den man nur schwer erreicht. Während er noch über die Antwort lacht, rumpelt sein Peugeot schon über eine provisorische Schotterpiste. Dann sagt er: „Wenn die Wellen nicht so hoch wären, könnten wir jetzt da runter zum Strand gehen. Hier musst du dir mal einen Sonnenuntergang ansehen. Es ist der schönste der Insel!“ Oliver zeigt den Hang hinab auf die Playa de Benijo. Zu sehen sind tatsächlich nur Wellen. Schwer zu erahnen, dass hier jemand die Sonne genießen könnte. Doch momentan fehlen ohnehin die Touristen, die sich am leicht rauen Wetter, das für ein paar Tage zumindest den Norden der Insel einhüllt, stören könnten.

Playa Benijo Teneriffa

Die Playa Benijo (r.) ist insbesondere abends beliebt, wenn die Sonne über den Berghängen (l.) untergeht. Bei rauem Wetter kann sie von Wellen überspült werden. Foto: Johannes Bornewasser

Wenig später bittet Oliver in der nahegelegenen Bar Africa zum Mittagessen. Es gibt Tapas und gebratenen Oktopus. „Hättest du nicht gedacht, dass man in einer Garage so gut essen kann, oder?“ Dann lacht Oliver wieder, als er hört, dass man in Deutschland ein Restaurant auch nach seinem Äußeren bewertet – und dieses hier eher durchs Raster gefallen wäre. Das Lachen wiederholt sich, als er beim Zwischen-Kaffee in den Bergen erfährt, dass viele Deutsche auch an beliebten Aussichtspunkten eher skeptisch sind, da sie damit rechnen, schlechte Qualität zu überhöhten Preisen serviert zu bekommen. „Das ist hier wirklich anders. Hier sind wir mit der Familie regelmäßig“, sagt er und zeigt auf den Speisesaal im hinteren Bereich des Restaurants.

Oliver Rodriguez Teneriffa

Oliver Rodriguez ist ein lebenslustiger junger Mann. Er ist gebürtiger Tinerfeño. Foto: Johannes Bornewasser

Das Restaurante La Cueva besteht auf den ersten Blick nur aus einer Terrasse und der Fassade. Der Speisesaal ist von außen nicht zu erahnen. Denn er wurde in den Fels hineingegraben. „Normalerweise ist hier viel los“, sagt Oliver. Der Wirt bestätigt knapp, erzählt dann aber, dass Oliver soeben den ersten Gast des Tages hergebracht habe.

Am nahegelegenen Aussichtspunkt zeigt Olli auf den an der Küste liegenden Ort Punta del Hidalgo. „Da sind auch immer viele Deutsche. Nur im Moment ist es ziemlich leer.“ Die riesige Aussichtsplattform könnte problemlos 30 Menschen fassen. Doch als Oliver seinen Satz beendet, ertönt nur Meeresrauschen aus der Tiefe.

Mirador de Aguaide Punta del Hidalgo Teneriffa

Der Mirador de Aguaide ermöglicht einen schönen Blick über das Anaga-Gebirge und Punta del Hidalgo. Normalerweise gibt es viele Besucher. Heute ist es menschenleer. Foto: Johannes Bornewasser

Langeweile im Lockdown

Die Lage rund um Corona sei „furchtbar“. Bis zu 40 Prozent aller Einnahmen seien auf den Inseln mit dem Tourismus verknüpft. „Und jetzt ist kaum jemand da.“ Natürlich gebe es einige Deutsche, die Eigentum auf den Inseln haben. „Und sicher auch ein paar Briten.“ Aber die Wirtschaft brauche auch den Umsatz der Hotels. Und die seien überwiegend leer.

Auf dem Rückweg nach La Laguna, wo Oliver lebt, erzählt er von der Zeit des Lockdowns. „Wir durften von Mitte März bis Ende Mai nicht raus. Nur einkaufen oder zur Apotheke. Irgendwann hast du zu Hause Routine.“ Morgens habe man über das Mittagessen gesprochen, dann vormittags alles vorbereitet. „Aber der Nachmittag hat sich wirklich gezogen. Da kam dann schon Langeweile auf“, sagt er. Doch auch wenn Teneriffa insbesondere im Ballungszentrum rund um Santa Cruz und La Laguna weiter viele Corona-Fälle registriert, ist das Thema Lockdown erst einmal vorbei.

Er erzählt nun lieber von der Familie. Die Mutter spreche fließend deutsch. Sie arbeitet ebenfalls im Tourismus. Auch seine Cousinen beherrschen die Sprache perfekt. Sie sind in Deutschland geboren und aufgewachsen und die Ältere, Jasmin, lebt weiterhin in der Nähe von Düsseldorf. Auch er spricht eigentlich deutsch, traut sich aber oft nicht so recht. Die Sätze, die er dann sagt, klingen perfekt. „Fahr unbedingt mal in den Süden und schau dir die Lage selbst an. Es ist furchtbar“, sagt er in bestem Deutsch. Dann endet die Rundfahrt durch Teneriffas Nordosten.

Fußball ohne Gäste

Zurück in Puerto de la Cruz führt der Weg zu einem, der schon vieles gesehen hat. Dragan Dimoski betreibt eine kleine Bar. Eigentlich ist es eine Kult-Kneipe für Fußball-Freunde. Rund um den Tresen hängen Schals, Trikots und Wimpel. Zwischen den vielen Fotos aus längst vergangenen Tagen mischen sich Autogrammkarten und allerlei weitere Fan-Utensilien. Von Chemie Leipzig über Fortuna Düsseldorf bis hin zu seinem Lieblingsclub aus dem Ruhrgebiet.

Dragan stammt aus dem ehemaligen Jugoslawien. Die aktuelle Lage beschreibt er aber, wie man das von einem Kumpel aus dem Pott erwarten würde: Kurz und prägnant braucht er nur ein Wort, um die ganze Situation zusammenzufassen. Es lässt keinen Interpretationsspielraum. Auf die Bilder von überbuchten Flugzeugen mit Ziel Teneriffa am Düsseldorfer Flughafen angesprochen, die zuletzt durchs Internet gingen, sagt Dragan nur: „Na dann schau dich hier doch mal um. Wir haben Samstagabend. Hier müsste die Hölle los sein.“ Er beugt sich in Richtung Straße vor und fragt: „Siehst du irgendwen?“

Dragan Dimoski El Drago Puerto de la Cruz

Dragan Dimoski betreibt mit „El Drago“ eine Kult-Fußball-Bar in Puerto de la Cruz. Foto: Johannes Bornewasser

Auch in seinem Laden ist wenig los. Es läuft die Bundesliga und Dragan bewirtet zwei Gäste. Draußen sitzt einer davon. Dragan nennt ihn Casanova, den echten Namen kenne er nicht. Seit einer Stunde trinkt Casanova, der aus Großbritannien auf die Insel kam, nun schon an seiner Rum-Cola. Es sei ein tägliches Ritual, sagt der Wirt. Der zweite Gast bevorzugt lokalen Wein. Er schaut Fußball und berichtet beiläufig, dass er viermal umgebucht wurde. Zwischenzeitlich hatte er sogar einen Gabelflug angeboten bekommen: Aus dem Süden hin und in den Norden zurück. „Wer hätte mich denn da abholen sollen“, fragt er. Dann habe die Fluglinie ein Einsehen gehabt und auch seinen Rückflug wieder in den Süden zurückgebucht. Die Quintessenz: „Jetzt hab ich zwei Tage weniger. Geflogen bin ich trotzdem. Wollte mal schauen, wie es hier momentan so ist.“

Das Chaos mit den Corona-Tests

Gäste, die vor dem 14. November ankamen, mussten sich nicht mit den neuen Einreisebestimmungen für Teneriffa beschäftigen. Die regionale Regierung lag über Monate mit der zentralen in Madrid im Clinch. Man wollte jeden ankommenden Gast auf das Coronavirus testen. Madrid verbot das mit Hinweis auf die nur schwerliche Durchführbarkeit – spätestens, wenn der Tourismus wieder anziehe. Irgendwann fand die kanarische Regierung ein Schlupfloch: Man gab die Verantwortung an die Hoteliers weiter. Gäste, die ein Zimmer beziehen wollen, müssen bei ihrer Ankunft einen negativen Corona-Test vorweisen. Es genügen auch die günstigen und schnellen Antigen-Tests. Tourismusministerin Yaiza Castilla räumte ein, dass damit nur etwa 80 Prozent der Besucher getestet würden. Denn Residenten, also auf den Kanaren registrierte Langzeiturlauber mit Eigenheim, rutschen durchs Raster. Doch es sei besser als gar nicht zu testen. In einen zweiten Lockdown steuern, das möchte auf den Kanaren niemand.

Zwei Tage bevor das Dekret griff, beschloss Madrid dann doch eine landesweite Test-Pflicht für alle ankommenden Besucher aus Risikogebieten. Damit war das Chaos perfekt. Denn zwar müssen sich die Hotels auch weiterhin einen Test vorlegen lassen und dürfen dabei auch die günstige Antigen-Variante akzeptieren, doch bei der Einreise muss zwingend ein negativer PCR-Test vorgezeigt werden. Und die sind auf dem europäischen Festland aufgrund der zweiten Corona-Welle nicht flächendeckend zu bekommen. Bei Einreise ohne negatives Testergebnis in englischer oder spanischer Sprache drohen Bußgelder von bis zu 6000 Euro. Viele Touristen reagierten in Internet-Foren mit Unverständnis und kündigten Stornos an. Die regionale Regierung versucht daher, Madrid von der Antigen-Alternative zu überzeugen. Und die großen Veranstalter bieten derweil Tests als optionalen Teil der Pauschalreise an.

Dragan geht inzwischen auf seinem Smartphone einige Bilder von leeren Straßen während des Lockdowns durch. Auch er berichtet, dass die Zeit eine Geduldsprobe gewesen sei. Seit 1977 lebt er auf Teneriffa, seit 33 Jahren betreibt er „El Drago“. Anfangs mit seiner Mutter, jetzt allein. „Ich bin der dienstälteste Gastronom hier in der Straße, habe alle überlebt.“ Das wird schnell klar, wenn Einheimische vorbeilaufen. Fast jeder Passant kennt Dragan und hält im Weitergehen einen kleinen Plausch mit ihm.

Mit seinem Nachbarn gegenüber pflegt er guten Kontakt. Von dort schallen normalerweise kanarische Klänge herüber. Die regelmäßige Live-Musik erfreut auch Dragans Terrassen-Gäste. Doch momentan passiert das nur selten. Oft bleibt der Laden zu. Oder zumindest die Musik stumm. Der direkte Nachbar zur Rechten sei hingegen nervtötend. Was Dragan damit meint, zeigt der wenig später beginnende Karaoke-Abend. In der britischen Bar werden Ginflaschen geleert und Klassiker auf eine Weise gequält, die jede Urlaubserholung arg auf die Probe stellt. „Singen ist verboten“, sagt Dragan. „Außerdem tragen viele Gäste beim Aufstehen keine Maske. Und sie tanzen und rauchen immer wieder auf der Straße. Ich denke, den Laden machen sie bald dicht. Dann habe ich noch einen überlebt“, lautet das trockene Resümee.

Das Leiden der Tiere

Überlebt hat auch die Arche Noah. Die kleine Finca liegt im Süden der Insel, unweit des Flughafens, vorbei an den unfreiwillig zwischengeparkten Mietwagen. Anna Branner kam einst als freiwillige Helferin. Dann ging es zunächst nach Deutschland zurück. Seit 2017 hat sie nun die Leitung des Tierheims inne. Den Lockdown erlebte sie inmitten ihrer knapp 140 Tiere, etwa hälftig Hunde und Katzen. Die Zeit sei nicht so schwierig gewesen wie für Familien, die in kleinen Wohnungen in den Städten leben. „Wir wussten nur nicht, ob wir Futter-Nachschub aus Deutschland bekommen. Also haben wir hier vorsichtshalber recht teuer eingekauft.“

Arche Noah Teneriffa Podenco-Welpen

Fünf Podenco-Welpen sind in der Corona-Zeit zur Welt gekommen. Braune Podencos von großen Vätern seien allerdings schwerer zu vermitteln, sagt Heimleiterin Anna Branner. Foto: Johannes Bornewasser

Genau das ist auch das Hauptproblem der Einheimischen. Natürlich sei es schwieriger gewesen, Hunde nach Deutschland auszufliegen. „Es gab ja kaum Flüge“, sagt Anna. Aber schlimmer als für die Heimtiere sei die Lage für viele Haustiere auf den Inseln gewesen. Immer wieder habe das Telefon geklingelt. „Die Menschen wollten uns ihre Tiere bringen.“ Auf den Grund angesprochen, hätten die meisten angegeben, dass sie einfach kein Geld mehr für Futter hatten. „Wir haben dann unsere Vorräte verteilt“, sagt sie. Dadurch, dass der Nachschub aus Deutschland doch eintraf, hatte das Heim mehr als genug.

Sogar das illegale Geschäft stagniert

Den Grund für die partielle Armut zeigt ein Rundgang durch die nahegelegene Touristen-Metropole Costa Adeje. Es ist ein Küstenabschnitt, der ganzjährig gut besucht ist. Dort wird in normalen Monaten der Umsatz generiert, der große Teile des Insel-Südens unterhält. Die Luxus-Hotels und Golf-Resorts lassen das erahnen. Doch viele Geschäfte haben geschlossen. Das Hotel Iberostar gehört mit seiner prachtvollen Anlage zu den größeren Luxus-Anlagen. Es ist ebenso verwaist wie das benachbarte Bahia Prinzess.

Hotel Iberostar Costa Adeje Teneriffa

Das Hotel Iberostar in Costa Adeje gehört zu den größeren Luxushotels im Insel-Süden. Es ist komplett geschlossen. Der Betrieb lohnt aktuell nicht. Foto: Johannes Bornewasser

Noch deutlicher wird das am Siam Park. Der größte Wasserrutschenpark Europas thront oberhalb der Stadt. Er ist regelmäßig Gast in Reportagen deutscher Privatsender. Eine Hochgeschwindigkeitsrutsche, ein riesiges Wellenbad, Dutzende weitere Wasserrutschen und Wasserspielplätze für Kinder sorgen für Abwechslung. Doch jetzt ist das Gelände abgeriegelt. Große Metall-Rolltore verhindern sogar den kleinsten Blick hinter die Kulissen.

Siam Park Teneriffa geschlossen

Mächtige Metall-Rolltore halten den Siam Park auf Teneriffa verschlossen. Foto: Johannes Bornewasser

Weiter unten, an der Promenade, knubbeln sich normalerweise die Anbieter für Ausflüge und Tagestouren. Doch auch die kleinen „Excursiones“-Buden haben geschlossen. Eine Frau versucht den wenigen Flanierenden geschickt Armbänder aus ihrer Handtasche zu verkaufen. Doch die üblichen Tricks, das Armband schon einmal anzulegen und dann so lange mit dem Preis herunterzugehen bis der Deal perfekt ist, scheitern schon daran, dass viele Passanten bei drohendem Körperkontakt erschrocken zurückweichen. Die Pandemie erschwert sogar illegale Geschäfte.

Das „Corona-Hotel von Teneriffa“ ist wieder geöffnet

Fast am Ende der Promenade befindet sich das Hotel Costa Adeje Palace. Es erlangte als das „Corona-Hotel von Teneriffa“ traurige Berühmtheit. Ein Ausbruch, eingeschleppt durch einen italienischen Arzt, hatte recht früh während der Corona-Pandemie internationalen Medienrummel verursacht. Es liegt direkt an einem der örtlichen Strände. Doch in Playa del Duque ist ebenfalls wenig los. Das Hotel beherbergt immerhin ein paar Gäste, genau wie die benachbarten Luxustempel in der ersten Reihe. Gleich dahinter ertönen hingegen die Stemmhammer. Die Corona-Zeit wird für Sanierungsarbeiten genutzt. So nervig die Lautstärke auch ist, verbreitet sie doch die zaghafte Hoffnung ihrer Betreiber, dass die Situation irgendwann einmal enden wird.

Hotel Costa Adeje Palace Teneriffa

Das Hotel Costa Adeje Palace wurde international bekannt, nachdem es wegen eines Corona-Ausbruchs abgeriegelt wurde und die Gäste in Quarantäne verbleiben mussten. Foto: Johannes Bornewasser

Ein Gedanke, den die wenigen Besucher der Strände davor kaum teilen dürften. Denn ihnen wird die ganze Aufmerksamkeit derer zu Teil, die weiterhin in den Hotels arbeiten dürfen. Für einen Urlauber mit sicherem Job in der weit entfernten Heimat ist die Situation paradiesisch. Keine Kämpfe um die besten Sonnenliegen und ausreichend Personal, das permanent Getränkenachschub an den Sonnenschirm trägt. An der Playa del Duque ist zumindest ein bisschen was los.

Playa del Duque Teneriffa

Javier Perez Ramos gab am 31. März 1998 sein Leben, um ein anderes aus den Fluten zu retten. Jetzt bewacht seine Statue den Strand. Foto: Johannes Bornewasser

Doch an den über die Promenade verbundenen Playas de las Americas und El Camisón ist die Lage schlecht. Viele Bars, sogar die in bester Lage, haben geschlossen. An den Stränden sind ganze Bereiche gesperrt. Es fehlen die Gäste und so lohnt die Reinigung der Sonnenliegen nicht. Drumherum liegen einige Besucher auf ihren Handtüchern. Doch jeder Vergleich mit der Hochsaison, die hier genau zwölf Monate zuvor herrschte, ist überflüssig.

Costa Adeje Strände gesperrt

An einige Stränden im Süden Teneriffas sind die Sonnenliegen gesperrt. Foto: Johannes Bornewasser

Maskenpflicht: Norden hui, Süden pfui

Deshalb, und wohl auch wegen der enormen Hitze, nehmen es die meisten Gäste mit der Maskenpflicht nicht so genau. Auf der Nachbarinsel Gran Canaria wurde der heißeste November-Tag seit Beginn der Wetteraufzeichnungen registriert. Und auch in diesem Teil Teneriffas fällt es bei wolkenlosem Himmel und absoluter Windstille an manchen Tagen schwer, in einen Mund-Nase-Schutz zu atmen.

In Teneriffas Norden ist das anders. Im Straßenbild sind Masken ganz normal geworden. Allerdings ist auch das Durchschnittsalter und damit die Vorsicht der Besucher höher. Und die Tagestemperaturen liegen unter der 30-Grad-Marke. An der Playa Jardín in Puerto de la Cruz wurden zwar alle Bars geschlossen und auch die meisten sanitären Anlagen sind außer Betrieb, doch immerhin gibt es einige Besucher.

Playa Jardin Teneriffa Puerto de la Cruz

Die Playa Jardin in Puerto de la Cruz. Viele Einheimische bevorzugen den hinteren Bereich des Strands. Foto: Johannes Bornewasser

Die Zeit der digitalen Nomaden

Eine davon ist Míriam. Sie gehört zu denen, die einen der sogenannten krisensicheren Jobs haben. Als ihr Betrieb in der Nähe von Barcelona alle ins Homeoffice schickte und der Lockdown näher rückte, packte sie spontan ihre Sachen und flog nach Teneriffa. „Arbeiten kann ich von überall“, sagt sie. Und tatsächlich sitzt sie jetzt mit ihrem Laptop im Sand und behebt ein Problem auf der Website, an der sie als Entwicklerin arbeitet. Sie sei ungebunden und genieße es. Zu übersehen ist das nicht. Da sie heute keinen regulären Dienst, sondern nur Bereitschaft hat, steht neben ihr ein Bier. Leben und arbeiten mit Laptop und Handy am Strand. Es ist der Traum vieler so genannter digitaler Nomaden. In der Welt unterwegs sein, ohne den Druck zu haben, jemals irgendwo ankommen zu müssen.

Eine Rückkehr in einen normalen Büro-Alltag, das könne sie sich jetzt nicht mehr vorstellen. Zu schön sei die Zeit hier in ihrem Coworking-Haus im etwas höher gelegenen La Orotava. Dort teilt sie sich mit Gleichgesinnten eine WG, die professionelle Büro-Räume für normale Arbeitstage sowie Küche, Sportmöglichkeiten und weitere Annehmlichkeiten für das gute Gefühl drumherum bietet. Sie lebt einen auf Work-Life-Balance abgestimmten Alltag inmitten neuer Freunde. Dennoch gehe es von Teneriffa aus irgendwann weiter – wahrscheinlich in Richtung Dänemark. Sie mag das Reisen. Und der Norden reize sie.

Das Geschäft mit der Hoffnung

So ungebunden und spontan wie die 37-Jährige sind viele ihrer Landsleute nicht. Insbesondere in diesem Teil Spaniens. Denn auch wenn die Inseln mit aktuell mehr als 60 Prozent Jugendarbeitslosigkeit für Heranwachsende zunehmend unattraktiv sind, fällt vielen jungen Kanarios der Schritt auf das mehr als 1000 Kilometer entfernte Festland oder die noch weiter entlegenen anderen EU-Länder schwer. Oliver hatte sein Glück in den Niederlanden gesucht. Es sei ein großes Missverständnis gewesen. Die Agenturen werben bei den Einheimischen mit großen Chancen und Rundumpaket. Doch die Realität sei hart, hatte er beim Mittagessen erzählt.

Unerträgliche Zustände in den Wohngemeinschaften hätten ihn zweifeln lassen. Als seine Schultern zunehmend verkrampften und seine Haut immer weißer wurde, gab ihm die Cousine, bei der er wochenends Zuflucht suchte, den Rat, wieder in die Heimat zurückzukehren. Da sitzt Oliver nun. Seinen Job liebt er trotz der temporären Arbeitslosigkeit über alles. Wenn nur die Langeweile und diese latente Unsicherheit nicht wären. Per Kurznachricht meldet er sich. Das Teno-Gebirge gehöre zum Pflichtprogramm und ihm bereite das unfreiwillige Reiseleiter-Dasein doch so großen Spaß, schreibt er. „Ich hole dich ab, habe ja Zeit.“

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Im Überlebensmodus – wie Corona die Kanaren lahmlegt

wurde veröffentlicht in: Aktuelles, Teneriffa, Teneriffa Nord, Teneriffa Süd

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Johannes Bornewasser

Johannes Bornewasser ist Herausgeber von Teneriffa News. Er hat zudem die redaktionelle Verantwortung inne. Zu seinem Autorenprofil geht es hier.

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