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Kanaren: 300.000 Migranten warten, 89.000 kommen dieses Jahr


300.000 Menschen warten in Afrika auf eine Möglichkeit, den Kontinent in Richtung Europa zu verlassen. Die Kanaren erwarten allein in diesem Jahr bis zu 89.000 von ihnen.

Von Johannes Bornewasser Lesedauer: 3 Minuten

Rund 300.000 Menschen aus Niger, Burkina Faso, dem Senegal oder Mali suchen derzeit in Mauretanien Zuflucht. Grund sind Hunger, politische Unruhen, Gewalt und Zukunftsängste. Von dem westafrikanischen Land, in dem die Geflüchteten gestrandet sind, führt der Weg meist weiter auf die Kanarischen Inseln. Über die gefährlichste Fluchtroute der Welt.

Unterschiedliche Menschenrechts-Organisationen und NGOs geben abweichende Zahlen an. Über die Größenordnung der Wartenden herrscht dennoch grundlegend Konsens. Und so bereiten sich die Kanarischen Inseln nicht einfach nur auf ein Rekordjahr vor, sondern auf eine Zahl, die die Inseln bis dato nie stemmen mussten.

Im vergangenen Jahr waren rund 40.000 Migranten gezählt – und damit ein deutlicher Rekord aufgestellt worden. In diesem Jahr sollen es bis zu 89.000 Ankünfte werden. Und je größer die Zahl der Wartenden an den Küstengebieten Mauretaniens wird, desto wahrscheinlicher ist ein Massenzustrom auf die Kanarischen Inseln bis Ende des Jahres.

Kanaren bereiten sich auf Massen-Migration vor

Experten erwarten, dass der Atlantik vor der Westküste Afrikas im Oktober ruhiger wird. Dann könnten besonders viele Boote von dort aus in See stechen. In der Regel kommen dafür Cayucos zum Einsatz. So nennen die Einwohner der Kanaren die kleinen Holzboote, die zum Fischfang nahe der Küste konzipiert, jedoch nicht hochseetauglich sind.

Der Atlantik selbst, in Kombination mit untauglichen Booten, sorgt dafür, dass die Atlantikroute von Westafrika auf die Kanarischen Inseln als tödlichste der Welt eingestuft wird. Hinzu kommt: Wer die Inseln verfehlt, schwimmt dem sicheren Tod entgegen, wie das Beispiel eines Bootes zeigt, das die Kanaren verfehlte und viele Wochen später ohne Überlebende in Südamerika strandete.

19.000 Migranten haben die Kanaren bereits erreicht

“Caminado Fronteras”, eine unabhängige Flüchtlings-Organisation, schätzt, dass allein in den ersten Monaten des Jahres bereits 4800 Menschen auf hoher See ihr Leben ließen. Bestätigt ist dagegen nur ein Bruchteil.

Angekommen sind im ersten Halbjahr derweil rund 19.000 Menschen. Und schon jetzt zeigen sich die Kanarischen Inseln mit der Summe an Flüchtlingen heillos überfordert. Bis Dezember könnten bis zu 70.000 weitere folgen. Auch die Regionalregierung des Archipels hält diese Zahl für realistisch.

Zum Vergleich: In den Jahren 1996 bis 2020 kamen in Summe 110.000 Menschen an den Küsten der Kanarischen Inseln an. Allein die Zahl der Todesopfer würde bei ähnlichem Verhältnis bis Jahresende einen Wert von etwa 20.000 erreichen.

Migration: Kanaren fordern zweigleisige Hilfe der EU

Der Präsident der Kanarischen Inseln, Fernando Clavijo, sagt: “Wir wissen, dass 300.000 Flüchtlinge darauf warten, über die Atlantikroute” nach Europa zu gelangen. Spaniens Innenminister Fernando Grande-Marlaska hatte bereits im Januar vor ähnlichen Zahlen gewarnt.

Mauretanien gilt dabei als Essenz dessen, was in Afrika geschieht. Deutlich steigende Einwohnerzahlen, immer höhere Lebensmittelpreise, Dürre und eine Destabilisierung der Sahelzone gelten als Hauptfaktoren der Migration. Entsprechend fordern die Kanarischen Inseln Hilfe seitens der EU.

Erwartet wird zum einen konkrete Hilfe bei der Bewältigung der Migrationskrise. Zum anderen müsse jedoch auch die Entwicklungshilfe in Afrika selbst ausgeweitet werden, damit weniger Menschen in der Flucht nach Europa den einzigen Ausweg sehen, heißt es.

So steigt die Zahl der Kanaren-Flüchtlinge

In der Folge aktueller Entwicklungen stieg in den vergangenen Jahren auch die Zahl der Migranten. Kamen zwischen 2010 und 2014 rund 250 Migranten pro Jahr auf den Kanarischen Inseln an, stieg die Zahl zwischen 2015 und 2019 auf mehr als 1000 Menschen. Mit Beginn der globalen Krise im Jahr 2020 erreichten dann plötzlich 23.000 Migranten die Kanaren, bis im vergangenen Jahr rund 40.000 Menschen den Weg auf den Archipel fanden.

Luis Padilla hat für die kanarische Regierung unter anderem als Generaldirektor für Afrika-Angelegenheiten gearbeitet. Angesprochen auf die zu erwartende Zahl von Migranten sagt er: “Ich weiß es nicht, niemand weiß es. Niemand hat eine Kristallkugel.” Allerdings rechnet der Wirtschaftswissenschaftler mit einzelnen Faktoren, die einige Menschen in ihre Herkunftsländer zurückholen könnten. So sei beispielsweise eine Stabilisierung der Lage im Senegal durchaus möglich.

EU hat Schlüssel zu weniger Migration aus Afrika nach Europa

Allerdings sei die Lage zwischen der EU und Marokko unübersichtlich. Im Falle von Querelen sei es möglich, dass Marokko die Küsten-Grenze kurzzeitig öffne und mit einem Mal viele Hundert Boote in See stechen, die bei gutem politischen Klima derzeit zurückgehalten werden.

Bekannt sei hingegen, was langfristig gegen die Migration helfe: Mehr Engagement aus Brüssel für Afrika. Statt Abkommen zu unterzeichnen, die zu erwartbar mehr Armut führen, müsse wieder mehr Entwicklungshilfe geleistet werden, um den Menschen in ihren Heimatländern eine Zukunft zu bieten, fordert der Afrika-Experte.


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Johannes Bornewasser ist Herausgeber von Teneriffa News. Er hat zudem die redaktionelle Verantwortung inne. Zu seinem Autorenprofil geht es hier.

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