Nachhaltigkeit: Kanaren diskutieren Obergrenze für den Tourismus


Die kanarische Politik hat eine Studie vorgestellt. Das Ergebnis könnte eine Obergrenze für die Anzahl von Touristen sein, die die Kanaren pro Jahr akzeptieren. Das steckt dahinter.

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Die Kanarischen Inseln leben vom Tourismus. Und doch gibt es „keinen direkten Zusammenhang zwischen mehr Tourismus und mehr Wohlstand“. Auch daher könnte schon bald eine Grenze festgelegt werden, wie viele Touristen die Kanarischen Inseln aus wirtschaftlichen und ökologischen Gesichtspunkten bewältigen können.

Der Minister für ökologischen Wandel, José Antonio Valbuena (PSOE), betonte bei der Präsentation der Studie seines Ministeriums, dass niemandem auf den Inseln etwas weggenommen werden solle. Der Wohlstand des Archipels hänge wesentlich vom Tourismus ab. Doch laut dem Politiker gebe es einen Punkt, an dem der Wohlstand nicht mehr wachse, die Inseln jedoch nachhaltig unter den Urlaubern leiden würden.

Diese Grenze würde überschritten, wenn alle geplanten touristischen Flächen erschlossen würden. Dies würde einen Anstieg von 480.000 auf etwa 700.000 Hotelbetten bedeuten. Die Folge wäre eine Aufnahmekapazität von bis zu 22,3 Millionen Touristen pro Jahr. Die permanente Bevölkerung der Kanarischen Inseln würde damit auf 2,8 Millionen Menschen wachsen. Und das hätte Folgen für die Umwelt.

Um die Zahlen zu erheben, wurden Daten von Grafcan, Istac und anderen Behörden und Institutionen einbezogen. Errechnet wurden alle Hotelbetten, zu denen Ferienwohnungen, Landhotels, Golfunterkünfte und weitere Übernachtungsmöglichkeiten noch hinzugezählt werden müssen.

Kanaren verzeichnen 350.000 genutzte Hotel-Betten – und ein großes Wachstumspotenzial

Laut dem Minister seien von den 480.000 Hotelbetten etwa 350.000 regelmäßig belegt. Nach Inseln verteilen sich die aktuellen Kapazitäten mit 78.000 Betten auf Lanzarote, wo in den vergangenen zehn Jahren ein Zuwachs von 12,3 Prozent registriert wurde. In anderen Unterkünften seien die Übernachtungen um 44 Prozent zurückgegangen. Das Potenzial der Insel liege bei 55.831 Betten, die geschaffen werden könnten. Das wäre ein Plus von etwa 70 Prozent.

Größer ist das Potenzial nur auf Fuerteventura, wo es bei bei ansonsten ähnlichen Größenordnungen ein Potenzial von 87 Prozent gibt.

Derweil verzeichnet Gran Canaria mehr als 160.000 Übernachtungsmöglichkeiten. Bei den Hotels wurde ein Anstieg um 5,2 Prozent verzeichnet. Bei anderen Übernachtungsmöglichkeiten wurde ein Rückgang um um 57 Prozent registriert. Das Wachstumspotenzial für die Hotelbranche wird mit 36 Prozent angegeben.

Tourismus: Teneriffa hat die größte Kapazität

Auf Teneriffa liegt die Kapazität noch höher. Die größte Kanaren-Insel verzeichnet mehr als 170.000 Betten. In den vergangenen zehn Jahren nahm das Hotelangebot um 3,3 Prozent zu, während Nicht-Hotelangebote um 34,1 Prozent abnahmen. Das Wachstumspotenzial gibt das Ministerium nach Berechnung der Daten mit 27,2 Prozent an. Das wären rund 46.000 zusätzliche Betten.

La Gomera geht unterdessen einen anderen Weg: Dort nahmen sowohl die Hotel- als auch die Nicht-Hotel-Kapazitäten ab. Das Wachstumspotenzial wird mit rund 153 Prozent angegeben, während La Palma seine Hotel- und Nicht-Hotel-Kapazität reduzierte und ein Wachstumspotenzial von 45 Prozent aufweist. Auf El Hierro könnte die Branche derweil um bis zu 118 Prozent wachsen.

Minister: Kanaren brauchen Tourmismus-Obergrenze

Laut Minister Valbuena sei es „nicht zu ertragen“, dass die Kanaren von 150 Millionen auf 223 Millionen Übernachtungen pro Jahr wachsen. Aus diesem Grund sollten die Kanarischen Inseln seiner Meinung nach „eine Grenze einziehen“. Diese müsse gut kalibriert sein. „Es geht nicht darum, jemanden rauszuschmeißen, sondern darum, Lösungen zu finden.“


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Wichtig sei, dass „niemand den Tourismus dämonisiert“. Natürlich würde „jeder Aktivität, die das Territorium respektiert, Reichtum generiert und verteilt, die Türen offen stehen“. Dennoch sei es wichtig, „das Schiff zu steuern“, wie Valbuena es formulierte.

Aus diesem Grund müsse eine Wachstumsobergrenze festgelegt werden. die nicht so „übertrieben“ sei wie die errechnete theoretische Obergrenze. Andernfalls würde der Wachstum um jeden Preis vor allem zu Lasten der Lebensqualität der Einwohner gehen, da weiterer Wohnraum zugunsten des Tourismus verloren ginge.

Tourismus-Wachstum auf den Kanaren: Laut Podemos müsse der „Unsinn“ gestoppt werden

Auch Francisco Déniz (Podemos) äußerte seine „Besorgnis“ über das „exzessive“ Tourismuswachstum auf den Kanarischen Inseln. Es habe eine „Schattenseite“, da es das Erbe der Inseln „zerstört“ und die Lebensbedingungen der Bürger beeinträchtige. „Die Verteilung des Reichtums ist ungerecht“, sagte der Politiker.

Die Inseln würden nun „für den Unsinn“ der 60er-, 70er- und 80er-Jahre „bezahlen“. Man dürfe diese Fehler nicht wiederholen. Der Tourismus sei „ein großer Umweltverschmutzer“, so dass klar sein müsse, „was auf den Archipel zukommt“. Die einzige logische Konsequenz seiner Meinung nach: „Kein einziges zusätzliches Bett mehr!“

Kanaren-Tourismus: Politik in Sorge über 58 Millionen Quadratmeter Land

Das Land von 15 Gemeinden auf den Kanarischen Inseln ist für die Erhebung analysiert worden. Dabei wurde über eine Fläche von 58 Millionen Quadratmeter touristischen Landes gesprochen. Dies sei eine „erschreckende“ Zahl. Déniz bittet daher darum, dass das Land „dringend“ per Gesetz neu klassifiziert werden sollte.

„Wir müssen diesen Unsinn stoppen“, sagte der Politiker. Denn „der Markt wird sich nicht selbst regulieren“. Daher müsse politisch eingegriffen und die Natur durch eine parlamentarische Initiative geschützt werden.

Ricardo Fernández (Ciudadanos) sieht das ähnlich. Der Politiker sieht sich durch das „Cuna del Alma“-Projekt bestätigt. Dies habe gezeigt, dass eine archäologische Stätte zerstört wurde und zugunsten des Tourismus-Wachstums nicht ausreichend auf Umweltverträglichkeit geachtet werde. Fernández betont allerdings auch, dass Tourismus nicht per se schlecht sei.

NC: Ferienwohnungen bringen Tausende Besucher „durch die Hintertür“ auf die Kanaren

Luis Campos, Sprecher von NC, wird da schon deutlicher. Laut Nueva Canarias sei es „inakzeptabel“, dass die Kanarischen Inseln den Wert von 22 Millionen Touristen überschreiten könnten. Stattdessen sei der Tourismus neu zu qualifizieren, anstatt „noch mehr Land zu verbrauchen“.

Es sei nötig, die Wirtschaft aus dem bestehenden Angebot heraus weiter anzukurbeln, ohne die Zahl der Touristen zu erhöhen. Zudem sagte Campos, dass Ferienwohnungen die Zahl der Touristen ohnehin „durch die Hintertür“ um Tausende von Betten steigern würden.

Luz Reverón (PP) sagte, ein großer Teil der kanarischen Beherbergungsbetriebe sei „veraltet“ und die öffentlichen Bereiche „verkommen“. Statt einer „Verteufelung“ des Tourismus sollten sich die Verwaltungen zunächst lieber auf den Bau von Sozialwohnungen konzentrieren.

Beatriz Calzada (CC-PNC) wies unterdessen auf die „langen und kostspieligen“ Gerichtsverfahren hin, die Entschädigung nach sich ziehen würden, wenn für den Tourismus vorgesehene Gebiete umdeklariert würden.

Kanaren: Parteien beim Thema Obergrenze für den Tourismus noch uneinig

Derweil erinnert Manuel Abrante (PSOE) daran, die jahrzehntelange „Füllung der Kanaren mit Zement“ nicht zu vergessen. Und auch nicht, dass die Arbeiter damals mit Niedriglöhnen abgespeist worden seien. Zudem sei nie an den einhergehenden Ressourcenverbrauch gedacht worden.

Laut Abrante sei der Tourismus unterdessen wichtig, um „bessere Kanaren“ zu erreichen. Er sei eine wichtige Unterstützung für eine Strategie der wirtschaftlichen Diversifizierung.

Keine der Parteien will also die aktuelle Zahl von Touristen verringern. Die Lesart der Studie sorgt in den verschiedenen Parteien allerdings für Uneinigkeit. Die Diskussion zeigt, wie schwierig ein Konsens für die Zukunft des Kanaren-Tourismus ist. Für die Macher der Studie ist es möglicherweise beruhigend, dass selbst von den aktuell vorhandenen Hotelbetten jedes Jahr rund 180.000 leer bleiben. Möglicherweise irrt Francisco Déniz mit seiner Einschätzung, der Markt reguliere sich nicht selbst, also doch.

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Juan Martín ist redaktioneller Mitarbeiter von Teneriffa News. Er ist auf den Kanaren zuhause und schreibt bereits seit vielen Jahren unter anderem über die Inseln.

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