Mancher Mitteleuropäer, der auf die Kanaren reist, stellt rasch fest, dass die Dinge hier ihren eigenen Lauf nehmen. Nicht schlechter und nicht besser, sondern schlicht anders. Wo sich dieser Unterschied am deutlichsten zeigt, das ist beim Aufmaß. In Deutschland greift man zum Zollstock, auf den Kanaren dagegen zum flexiblen Maßband. Zwei Werkzeuge, und dahinter zwei Mentalitäten.
Hierzulande gilt der Zollstock geradezu als Sinnbild der Präzision. Er klappt aus, rastet ein, bleibt schön gerade und lässt sich sauber anlegen. Das Messen folgt einem klaren Ablauf: Man legt das Ende an, klappt aus und liest ab. Erst wenn die Strecke länger ist als das Werkzeug selbst, setzt man einen Punkt und misst von dort aus weiter. Stabil, verlässlich, bis auf den Millimeter genau.
Auf den Kanaren hat hingegen das Maßband das Sagen. Es biegt sich, rollt sich ein, hängt durch und hat hin und wieder seinen eigenen Kopf. Verwendet wird es für alles, was Maße braucht, ob Raumhöhen, Wandlängen, Fensteröffnungen oder Balkone. Und das mit einer Selbstverständlichkeit, bei der so manchem deutschen Handwerker die Stirn in Falten gerät.
Kanaren: Maßband über Kopf ist unzuverlässig wie eine Schnur
Muss das Band über Kopfhöhe hinaus, beginnt jedes Mal ein kleines Schauspiel. Es knickt ein, hängt durch und rollt sich halb wieder zusammen, doch gemessen wird trotzdem munter weiter. Bei allem, was länger als zwei Meter ist, käme niemand auf den Gedanken, eine Markierung zu setzen und von dort aus weiterzumessen. Stattdessen muss eben einfach ein längeres Maßband her. Dass dieses dann bei Überkopfmessungen zuverlässig durchhängt, gehört einfach dazu. Am Schluss steht ein Wert, der ungefähr stimmen dürfte, und das genügt.
Diese gelassene Haltung zeigt sich ebenso bei den Bauwerken selbst. Zwei Mauern, die auf dem Plan parallel verlaufen, ziehen sich in der Wirklichkeit gern ein wenig konisch zusammen. Nicht dramatisch, aber gerade so, dass es dem Fliesenleger erst in der letzten Reihe auffällt, woraufhin er leise vor sich hinflucht und versucht, die Sache irgendwie auszugleichen.
Eine geometrische Großzügigkeit ist das, an der sich hier eigentlich niemand stört. Man arrangiert sich, schiebt ein bisschen, dreht ein wenig, und am Ende passt es dann doch.
Aufmaß auf kanarisch: Anders ist nicht gleich schlechter
Bei aller Improvisation entstehen auf den Kanaren Arbeiten, die zuverlässig, solide und erstaunlich langlebig sind. Türen, Fenster, Balkone, vieles davon ist handwerklich sauber gemacht und oft sogar beeindruckend gut. Nur eben auf eine andere Art.
Womöglich liegt darin die eigentliche Lektion: Es muss nicht alles millimetergenau ausgemessen sein, damit es am Schluss seinen Zweck erfüllt. Die Uhren ticken hier anders, und doch gehen sie erstaunlich zuverlässig.
Unser Autor ist vom Fach: Er hat vor seiner Auswanderung nach Teneriffa selbst viele Jahre als Handwerker gearbeitet.
















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