Kritik an Spanien und EU: Kanaren fühlen sich mit Flüchtlings-Strömen allein gelassen


45 Boote vom afrikanischen Kontinent hat die Küstenwache am Wochenende entdeckt. Sie begleitete 1860 Menschen an Land. Unter den Hilfesuchenden befand sich auch ein Verstorbener. Der Vizepräsident der Kanarischen Inseln kritisierte unterdessen Spanien und die EU.

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2006 ist als das Jahr mit den meisten Migranten in die Geschichte der Kanarischen Inseln eingegangen. Damals waren knapp 40.000 Menschen gezählt worden, die die lebensgefährliche Überfahrt aus Afrika in Richtung der zu Europa zählenden Inseln in Kauf nahmen. Seither waren die Zahlen rückläufig. Und auch wenn 2020 voraussichtlich die Werte von vor 16 Jahren nicht erreichen werden, ist die Lage erneut angespannt.

Während der „crisis de los cayucos“ waren 39.180 Menschen gezählt worden, die sich auf den Weg in Richtung der Kanarischen Inseln machten. Spanien reagierte seinerzeit schnell und nachhaltig. Madrid trat in einen Dialog mit den afrikanischen Ländern ein und schaffte es auch dadurch, die Zahlen in den Folgejahren zu senken.

Elf Jahre später, 2017, kamen 423 Migranten über die Kanaren nach Europa. 2018 stieg die Zahl auf 1266 Personen und 2019 auf rund 2200. In diesem Jahr liegt die Gesamtzahl – die knapp 2000 Menschen, die an diesem Wochenende ankamen bereits eingerechnet – schon jetzt bei etwa 13.500 Migranten.

Migration von Afrika auf die Kanaren: Die Politik reagiert behäbig

Der Unterschied zu 2006 ist, dass die Politik diesmal langsamer reagiert. Insgesamt, so scheint es, zeigt sich ganz Europa mit dem Thema Einwanderung überfordert. Der spanische Migrationsminister sagte seine Kanaren-Reise mehrfach ab. Erst nachdem der regionale Präsident, Ángel Víctor Torres, nicht locker ließ, kam José Luis Escrivá dann doch. Und der Politiker wirkte vor Ort erschüttert und versprach überraschend deutlich Hilfe.

Seither ist viel Zeit vergangen. Zuletzt ließ sich auch Spaniens Innenminister blicken, nachdem der Druck auch in Madrid größer wurde. Überregionale Medien berichteten über die Situation auf den Inseln. Eine wirkliche Strategie ist zwar noch nicht erkennbar. Doch immerhin holt die Zentralregierung viele der Hilfesuchenden aufs Festland, so dass die Ersteinrichtungen in den Häfen der Inseln, vornehmlich auf Gran Canaria, wenigstens punktuell entlastet werden.

Kanaren empfangen knapp 2000 Migranten in drei Tagen

Am vergangenen Wochenende waren laut der kanarischen Seenotrettung, dem Roten Kreuz und dem Notruf der 112 insgesamt 1860 Menschen geborgen worden. In der Nacht von Freitag auf Samstag wurden sechs Boote mit 304 Personen abgefangen und zum Arguineguín-Kai auf Gran Canaria gebracht.

Am Samstagmorgen wurden drei weitere Boote mit 89 Migranten im Süden der Insel entdeckt und ebenfalls nach Arguineguín begleitet. Derweil wurde vor El Hierro ein Cayuco mit 159 Migranten abgefangen und nach La Restinga gebracht. Dabei war auch der Tod eines der Insassen festgestellt worden. Andere wiesen starke Dehydrierungs-Anzeichen auf.

Am Samstagnachmittag kamen sieben weitere Boote und ein Cayuco mit zusammen 250 Personen am Dock von Arguineguín an. Nahezu zeitgleich erreichten zwei cayucos und eine Patera Teneriffa und La Gomera. 271 Migranten wurden zum Dock von Los Cristianos und 23 nach Playa de Santiago auf La Gomera gebracht.

In der Nacht von Samstag auf Sonntag kamen dann 20 weitere Boote und Kanus mit 600 Personen an Bord am Arguineguín Pier an. Morgens erreichte ein weiteres Cayuco mit 49 Personen an Bord, darunter eine Frau und ein Minderjähriger, den Norden von El Hierro. Am Mittag lokalisierte ein Rettungsflugzeug mehrere weitere Boote südlich von Gran Canaria. Herbeigerufene Rettungsschiffe brachten die 115 Insassen der sechs Boote ebenfalls nach Arguineguín.

Am frühen Montagmorgen wurden dann noch einmal 319 Hilfesuchende an Land gebracht, so dass die Zahl auf knapp 2000 anstieg.

Migration: Vizepräsident der Kanarischen Inseln kritisiert Spanien und die EU

Unterdessen zeigte sich der Vizepräsident der Regierung der Kanarischen Inseln, Román Rodríguez, vom Besuch des spanischen Innenministers, Fernando Grande-Marlaska, und der EU-Innenkommissarin Ylva Johansson enttäuscht. Sie hätten viele Versprechen zur Lösung des Problems auf die Kanaren gebracht, jedoch wenig Lösungen da gelassen.

Via Twitter sagte Rodríguez, dass er „nach dem frustrierten Besuch im Februar nicht viele Erwartungen hatte“. Doch „zumindest erwarte ich jetzt mehr Ressourcen und eine definierte und geplante Politik“.

Dann erinnerte der kanarische Vizepräsident indirekt an das Erfolgsgeheimnis von 2006: „Wir fordern weiterhin staatliche und europäische Institutionen auf, mit den Herkunftsländern zusammenzuarbeiten, die Überwachungs- und Rettungssysteme, die humanitäre Versorgung und Überweisungen an den europäischen Kontinent zu verbessern“, sagte der Politiker.

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Kritik an Spanien und EU: Kanaren fühlen sich mit Flüchtlings-Strömen allein gelassen

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Über den Autor
Johannes Bornewasser

Johannes Bornewasser ist Herausgeber von Teneriffa News. Er hat zudem die redaktionelle Verantwortung inne. Zu seinem Autorenprofil geht es hier.

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