Die meisten Teneriffa-Urlauber kennen Los Realejos nur als grünen Streifen links neben der Autobahn TF-5, auf dem Weg von Puerto de la Cruz nach Icod de los Vinos. Sie biegen nicht ab. Und sie verpassen dadurch eine wirklich spannende Gemeinde im Norden der Kanaren-Insel. Denn Los Realejos hat, was vielen Touristenorten fehlt: echte Geschichte, eine halbwilde Steilküste, ein Naturschutzgebiet von europäischem Rang und eine Festkultur, die ihresgleichen sucht. Wer einen Tag investiert, sieht ein Teneriffa, das die Reisebusse links liegen lassen.
Reiseführer Los Realejos
Die Gemeinde liegt rund 40 Kilometer westlich von Santa Cruz, an der westlichen Flanke des fruchtbaren Orotava-Tals. Auf 57 Quadratkilometern leben heute mehr als 37.500 Menschen. Der Ortskern gliedert sich in drei historisch gewachsene Zonen: Realejo Alto, das höhere Gründungsviertel um die alte Jakobskirche, San Agustín dazwischen und das küstennähere Realejo Bajo. Bis weit ins 20. Jahrhundert blieben Realejo Alto und Realejo Bajo zwei getrennte Gemeinden mit eigener Verwaltung und tiefer Rivalität. Erst 1952, nach dem Brand des Klosters von San Agustín, einigten sich beide auf den Zusammenschluss. Amtlich wurde er Mitte der 1950er-Jahre.
Der Name erinnert an die letzte Phase der spanischen Eroberung: „Realejo“ leitet sich vom real ab, dem Heerlager. Hier schlugen 1496 die Truppen des Eroberers Alonso Fernández de Lugo und die Verbände der Guanchen ihre Lager auf. Eine zweite Deutung hält Realejo Alto für das kastilische, Realejo Bajo für das Guanchen-Lager. Wie auch immer: An diesem Ort endete der Krieg um Teneriffa. Ein einziger Tag, der 25. Juli 1496, prägt die Ortsgeschichte bis heute.
Es folgt der Überblick über die Sehenswürdigkeiten, die einen Abstecher lohnen. Viel Spaß beim Erkunden:
Karte von Los Realejos auf Teneriffa
Iglesia de Santiago Apóstol: die erste Kirche der Insel
Wer wissen will, wo die christliche Geschichte Teneriffas begann, fährt nach Realejo Alto, in den oberen, ältesten Teil der Stadt (auf der Karte oben Punkt 1). Am historischen Kirchplatz steht die Parroquia Matriz del Apóstol Santiago, das erste christliche Gotteshaus der Insel. Ihre Gründung fällt auf das Jahr 1496. Das ist kein Zufall.
An genau dieser Stelle, im einstigen Mencey-Reich Taoro, ergaben sich am 25. Juli 1496 die letzten Guanchen-Fürsten der kastilischen Krone. Dass das ausgerechnet am Namenstag des heiligen Jakobus (Santiago) geschah, des Schutzpatrons Spaniens, deutete Fernández de Lugo als göttlichen Wink. Er gelobte, dem Apostel hier eine Kirche zu weihen. In ihrem schlichten Taufbecken empfingen, so überliefern es der Dichter Antonio de Viana und die Historiker Juan Núñez de la Peña und José de Viera y Clavijo, die neun besiegten Menceyes die Taufe. Damit ist die Kirche nicht bloß ein altes Bauwerk, sondern der Gründungsort des christlichen Teneriffa.
Das heutige Gebäude ist das Werk mehrerer Jahrhunderte: Im 16. Jahrhundert bauten die Realejeros die Kirche mehrfach um, der Turm kam im 18. Jahrhundert hinzu. Seit 1983 schützt der Staat sie als nationales Denkmal. Im Inneren lohnen das Barbara-Retabel aus dem 18. Jahrhundert, die Figur des Apostels Jakobus und vor allem das historische Taufbecken einen Blick. Die Kirche trägt deutlich die Handschrift des Mudéjar-Stils, jener maurisch-spanischen Richtung, die das frühe kanarische Bauen prägte.
Nehmen Sie sich Zeit für den Ortskern: Realejo Alto rund um die Plaza und die Calle del Medio hat den Bauboom der 1970er- und 80er-Jahre erstaunlich gut überstanden und bewahrt das Bild eines alten kanarischen Dorfes mit geschnitzten Holzbalkonen. Von der nahen Plaza de la Unión fällt der Blick hinab in den Barranco de Godínez, Schauplatz der letzten Gefechte von 1496. Hier wurde 1731 José de Viera y Clavijo geboren, der bedeutendste kanarische Gelehrte der Aufklärung. Sein Geburtshaus, heute ein geschütztes Baudenkmal, steht im historischen Zentrum am Rand dieser Schlucht.
Der Mirador de la Corona
Fahren Sie vom Ortskern aufwärts, auf der oberen Straße Richtung Icod el Alto, erreichen Sie nach wenigen Minuten einen der schönsten Aussichtspunkte des Inselnordens (auf der Karte oben Punkt 2). Der Mirador de la Corona liegt auf rund 750 Metern Höhe auf dem Kamm des Tigaiga-Massivs, noch im Gemeindegebiet von Los Realejos. Von der Plattform öffnet sich ein weiter Blick: das ganze Orotava-Tal, die Küste hinab bis Puerto de la Cruz, das tiefe Blau des Atlantiks und im Rücken, hoch über allem, der Teide.
In der Mitte steht ein Pavillon mit einem Kreuz, das die Anwohner von Realejo Bajo 1922 errichten ließen, nachdem sie einen Unfall unverletzt überstanden hatten. Wer dort eine knallgrüne Kunstrasenbahn entdeckt, stutzt zunächst: Es ist eine Startrampe für Gleitschirmflieger. Höhe, Lage und verlässliche Aufwinde machen La Corona zu einem der besten Flugplätze dieser Art in Europa. An ruhigen Tagen geht es von hier aus in weitem Bogen hinab bis zum schwarzen Sand der Playa de El Socorro. Auch ohne Flügel lohnt der späte Nachmittag am meisten, wenn das Tal im warmen Licht versinkt und sich die Silhouette des Teide gegen den Abendhimmel abzeichnet.
Wanderweg Rambla de Castro
Die Rambla de Castro ist das landschaftliche Glanzstück von Los Realejos. Und sie ist eines der schönsten Küstennaturschutzgebiete der Kanaren (auf der Karte oben Punkt 3). Das Schutzgebiet umfasst rund 45 Hektar und zieht sich als schmaler Streifen alter Vegetation zwischen Lavafels und Atlantik die Steilküste entlang. Vor allem die Haine kanarischer Palmen gelten als botanisches Zeugnis längst vergangener Pflanzenwelten und stehen unter strengem Schutz.
Der Weg selbst ist gut zu gehen: Die Hauptroute misst etwa zwei Kilometer, verläuft fast eben und führt in beide Richtungen. Starten Sie am küstennahen Mirador de San Pedro, folgen Sie einem markierten Pfad durch Palmenhaine, an Bananenterrassen vorbei und immer wieder mit Blick aufs Meer. Gleich mehrere historische Bauten säumen die Strecke und jeder einzelne rechtfertigt den Weg.
Da ist die Casona de Castro, das Herrenhaus der einst mächtigen Familie Castro, deren Majorat bis an den Anfang des 16. Jahrhunderts zurückreicht. An einem Felsvorsprung über dem Wasser stehen die Reste der Festung San Fernando, errichtet Ende des 18. Jahrhunderts zum Schutz der Küste vor Piraten. Einige der alten Kanonen blieben erhalten. Den größten Überraschungsmoment liefert der Abstieg über mehr als 200 Treppenstufen hinunter zur Küste: Dort ragen die mehrstöckigen Ruinen der Pumpstation von La Gordejuela auf.
Das Handelshaus Hamilton setzte den gewaltigen Bau 1903 in fast senkrechtes Klippengelände. Hier stand die erste Dampfmaschine Teneriffas, die Quellwasser nach oben hob und die Bananenplantagen beider Realejos versorgte. Das leere Gebäude trotzt seit mehr als einem Jahrhundert dem Atlantik und liefert eines der stärksten Fotomotive der ganzen Nordküste.
Ein praktischer Rat aus Erfahrung: Bleiben Sie auf dem markierten Weg. Nach starken Regenfällen droht an der Steilküste Steinschlag und einzelne Abschnitte sind dann gesperrt. Nehmen Sie diese Absperrungen ernst. Vogelfreunde kommen früh am Morgen am besten auf ihre Kosten. Am Ende des Weges wartet der kleine, schwarze Strand der Playa de Los Roques.
Playa de El Socorro
Die Playa de El Socorro ist der bekannteste Strand von Los Realejos und unter Surfern weit über die Insel hinaus ein Begriff (auf der Karte oben Punkt 4). Schwarzer Vulkansand, kräftige Nordatlantik-Wellen und verlässlicher Wind machen ihn zu einem der zuverlässigsten Surfspots im Norden Teneriffas. An Wochenenden trifft sich hier, wer Wellen reiten will oder einfach nur zuschaut.
Der Strand hat sogar eine kleine Internet-Anekdote zu bieten: Als einer der ersten Strände der Kanaren bot der Socorro auch freies „Surfen“ im Netz an. Ein hübsches Wortspiel zwischen Welle und WLAN. Spaziergänger und Sonnenanbeter fühlen sich hier ebenso wohl wie Wassersportler. Der Sonnenuntergang über dem Atlantik zählt zu den schönsten der ganzen Nordküste.
Der Strand von La Fajana
Abseits der ausgetretenen Pfade liegt die Playa La Fajana, in einer kleinen Bucht unterhalb der Rambla de Castro (auf der Karte oben Punkt 6). Schwarzer Sand, kaum Infrastruktur, selten viele Menschen. Die Zufahrt ist nicht ganz bequem. Und genau das zieht jene an, die das suchen: unberührte Kulisse, Wellenrauschen, kein Liegestuhlverleih in Sichtweite. Wer die Rambla de Castro erwandert, erreicht La Fajana als natürlichen Abschluss und stürzt sich danach ins kühle Wasser.
Parque La Higuerita
Mitten im Ort liegt der Parque La Higuerita, ein grüner Ruhepol zwischen den Häusern (auf der Karte oben Punkt 5). Das ist kein Spektakel für Touristen, sondern ein Ort des Alltags: schattige Bänke, ein Spielplatz, ältere Herren, die das Treiben beobachten. Wer spüren will, wie Los Realejos jenseits jeder Reiseroute tatsächlich lebt, hält hier eine halbe Stunde inne. Ein guter Platz für eine Pause zwischen Ortskern und Küste.
Feiern in Los Realejos: die Fiesta de la Cruz
Los Realejos liebt seine Feste wie kaum ein anderer Ort der Insel. Im Volksmund gilt die Gemeinde sogar als die festreichste Spaniens. Die meisten Volksfeste fallen zwischen Mai und September, wenn die Canarios in bunten Trachten ausrücken und Musik mit Timple und Chácaras durch die Gassen klingt. Doch ein Fest überragt alle anderen: die Fiesta de la Cruz am 3. Mai.
Dann verwandelt sich der Ort in ein einziges Blumenmeer. Die Realejeros schmücken Straßen, Hauswände, Brunnen und die namensgebenden Kreuze mit Blüten, Umzüge ziehen durch die Gassen, überall Musik, dazu kanarische Speisen. Der Höhepunkt ist ein Feuerwerk, das zu den größten Europas zählt und bei dem die rivalisierenden Stadtteile traditionell gegeneinander auftrumpfen. Alle Infos zu den Fiestas de la Cruz finden Sie hier. Wer seine Reise auf diesen Termin legen kann, sollte es ernsthaft erwägen. Die Fiesta de la Cruz ist kein Event für Touristen, sondern tief im Leben der Gemeinde verwurzelt. Genau das macht sie sehenswert.
Wanderungen im Tigaiga-Gebirge
Wer Los Realejos von oben erleben will, fährt ins Tigaiga-Massiv, den bewaldeten Bergrücken über dem Ort. Wanderwege verschiedener Schwierigkeitsgrade ziehen durch Kiefernwälder, vorbei an Felsformationen und mit immer neuen Blicken auf Teide und Orotava-Tal.
Beliebter Ausgangspunkt ist das Erholungsgebiet Chanajiga. Von dort führen Touren quer über die Ladera de Tigaiga, mehrere davon enden am Mirador de la Corona. Die Ruhe hier oben, der Kiefernduft, die manchmal tief hängenden Wolken: All das liegt weit weg vom Küstenrummel, obwohl nur wenige Kilometer Fahrt dazwischen liegen. Auch weniger geübte Wanderer schaffen die niedrigeren Routen gut; die Beschilderung ist zuverlässig. Festes Schuhwerk und Wasser gehören trotzdem in den Rucksack. Im Schatten der Wälder unterschätzt sich die Sonne leicht.
Kulinarische Highlights in Los Realejos
Nach Wanderung oder Strandtag wird in Los Realejos niemand hungrig nach Hause gehen. Die Gemeinde ist kein Schauplatz für Trend-Gastronomie. Dafür hat sie etwas Wertvolleres: eine dichte Landschaft aus Guachinches und traditionellen Lokalen, in denen die kanarische Küche noch echt schmeckt. Guachinches sind eine kanarische Besonderheit: einfache, oft nur saisonal geöffnete Lokale, in denen Winzerfamilien ihren eigenen Wein und ein paar bodenständige Gerichte ausschenken.
Papas arrugadas mit Mojo, gegrillter Fisch frisch aus dem Atlantik, Gofio in seinen vielen Formen: Das ist die Grundlage. Dazu die Weine aus Realejo Alto, wo der obere Ortsteil bis heute Reben anbaut. Diese Lokalweine haben über die Jahre spürbar an Qualität gewonnen. Wer den Bogen vom Essen zurück zum historischen Kern schlägt, hat einen weiteren guten Grund, länger zu bleiben als geplant.
Das ist Los Realejos auf Teneriffa
Los Realejos ist kein Urlaubsort im klassischen Sinn. Keine Hotelzonen, keine Promenade voller Souvenirläden, keine für den schnellen Besuch aufpolierten Sehenswürdigkeiten. Stattdessen bietet der Ort Substanz: den Gründungsort des christlichen Teneriffa, eine Küste, die ihre Wildheit nicht ganz verloren hat, ein Naturschutzgebiet zum Durchwandern und eine Festkultur, die ihre Traditionen ernst nimmt.
Wer einen halben Tag einplant, sieht das Wichtigste. Wer einen ganzen Tag bleibt, versteht den Ort. Und wer im Mai reist, sollte sich die Fiesta de la Cruz auf keinen Fall entgehen lassen.

















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