Körperliche und mentale Vereinsamung: Was Corona für Ältere bedeutet


Die Monate der Pandemie belasten insbesondere ältere Menschen. Nicht nur, dass die Sorge vor einer Ansteckung in der Hoch-Risikogruppe besteht, zudem vereinsamen immer mehr Senioren. Der Besuch der Enkel bleibt aus und auch der Kontakt untereinander ist eingeschränkt. Experten warnen vor Langzeitfolgen.

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Körperlicher Abbau und kognitive Verschlechterung können die Folgen der Pandemie insbesondere bei älteren Menschen sein. Zu langes Sitzen und Mangel an positiven Reizen sorgen für gesundheitliche Probleme. Auch Traurigkeit sei ein großes Thema bei vielen Senioren, warnen Experten.

„Soziale Benachteiligung ist so schwerwiegend wie körperliche“, sagt sich Wenceslao Peñate vom Institut für Sozialpsychologie der Universität La Laguna (ULL) auf Teneriffa. Dem pflichtet auch die Präsidentin der Gesellschaft für Geriatrie und Gerontologie und Professorin an der Universität von Valencia bei. Sacramento Pinazo-Hernandis sagte Canarias7: „Bei einigen Menschen wird es eine starke Verschlechterung geben.“

Grund dafür seien „der Mangel an kognitiven Aktivitäten und sozialen Beziehungen.“ Dies führe zu Traurigkeit, warnt die Expertin und fügt an: „Der sitzende Lebensstil wird neue Krankheiten hervorrufen. Oder bestehende verschlimmern.“

Die Nachbarschafts-Netzwerke hätten während des Lockdowns einen Großteil dieser Probleme abgefedert, wie das folgende Video aus dem März 2020 zeigt. Doch nachdem dieser aufgehoben wurde, hätte ein großer Teil der Bevölkerung zum Alltag zurückgefunden. Viele Senioren seien dabei auf der Strecke geblieben.

Kanaren: Jeder vierte Haushaut besteht aus nur einer Person

Diese These bestätigen auch Zahlen der kanarischen Regierung. Sie betreibt eine Telefon-Hotline für Menschen ab 65 Jahren. Unter der Rufnummer 900 70 70 20 können Senioren um Hilfe bitten oder einfach mit anderen Menschen sprechen.

Zwischen Januar und Oktober 2020 war die Zahl der Anrufe um knapp 150 Prozent gestiegen. In den ersten zwei Wochen des neuen Jahres lag die Steigerung dann bei 268 Prozent. Grund für die Anrufe waren laut Telefonseelsorge hauptsächlich Sorgen vor Corona und Einsamkeit.

Auf den Kanarischen Inseln ist fast jeder vierte ein Single-Haushalt. Mehr als 66.000 Personen sind älter als 65 Jahre, weitere 7000 leben in Seniorenheimen oder ähnlichen Einrichtungen.

Corona: Ältere gewöhnen sich allmählich, Jüngere verlieren die Geduld

Allerdings gibt es auch positive Entwicklungen. Denn zumindest ein Teil dieser Bevölkerungsschicht habe damit begonnen, sich anzupassen, sagte Peñate. Demgegenüber stehen jüngere Menschen, die insbesondere zu Beginn mit der Situation umzugehen wussten, inzwischen aber mehr und mehr unter einer Art „Pandemie-Müdigkeit“ leiden.

Soziale Kontakte sind in dieser Zielgruppe jedoch wesentlich einfacher herzustellen. Und das soll auch älteren Menschen ermöglicht werden. Laut Pinazo-Hernandis müssten ihnen „Werkzeuge zur Selbstversorgung“ zur Verfügung gestellt werden.

Zwar seien Trainings und soziale Interaktion über den Fernseher oder das Internet bei weitem nicht dasselbe, wie direkter zwischenmenschlicher Kontakt, doch es sei immerhin ein Weg aus der Vereinsamung, „da sich der Körper daran gewöhnt, immer weniger zu tun.“ Und dies gelte auch für den kognitiven Bereich.

Covid-19: Viele Senioren sind weiter eingesperrt, während das Leben wieder hochfährt

Laut der Expertin müsse die öffentliche Verwaltung Maßnahmen ergreifen. Dazu zähle beispielsweise, dass Ressourcen zur Verfügung gestellt werden, mit denen „Therapien, Programme und Übungen bekannt werden, um Demenz und Parkinson zu verhindern“, sagt Pinazo-Hernandis.

Auch die Schließung der Residenzen sei ein Problem. Während sich andere Bevölkerungsgruppen längst wieder freier bewegen könnten, seien je nach Status der einzelnen Regionen oder Inseln Spaniens viele Seniorenheime abgeschottet. „Die älteren Menschen wurden geschützt, aber sie sind nie gefragt worden, ob sie lieber das Risiko einer Erkrankung in Kauf nehmen wollen und dafür wieder ausgehen können“, sagt die Expertin.

Mehrere Studien würden nahelegen, dass sich die Prävalenz emotionaler Störungen in der Bevölkerung verdoppelt habe, sagt Peñate. Diese Zahlen seien über alle Altersgruppen hinweg erhoben worden. Bei der mentalen Belastung durch die aktuelle Situation sind die Senioren also nicht allein. Ein Trost ist das freilich nicht.

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Über den Autor

Johannes Bornewasser ist Herausgeber von Teneriffa News. Er hat zudem die redaktionelle Verantwortung inne. Zu seinem Autorenprofil geht es hier.

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