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Zunehmende Ablehnung: Kanaren-Einwohner von Touristen genervt


Touristen gegenüber droht die Stimmung zu kippen. Die Politik ist um Schadenbegrenzung bemüht. Die Kanaren stecken in einem Zwiespalt.

Von Juan Martín Lesedauer: 4 Minuten

Acht Touristen kommen auf jeden Einwohner der Kanarischen Inseln – jedes Jahr. Zwar leben die Kanaren vom Tourismus. Doch so sehr die Wirtschaft auf Urlauber ausgelegt ist, bereitet der noch immer zunehmende Tourismus der Kanaren-Politik wachsende Probleme, bei Einwohnern für Akzeptanz zu sorgen.

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Denn auf die rund 2,2 Millionen Einwohner kommen in diesem Jahr aller Voraussicht nach etwa 16 Millionen Urlauber. Und auch wenn die Beziehung zwischen beiden Seiten seit den 1960er-Jahren stets eine herzliche war, so kippt die Stimmung zunehmend.

Von mehreren Kanarischen Inseln werden Zwischenfälle gemeldet. Einige Einheimische zeigen offen ihre Ablehnung gegenüber dem Massentourismus. Bekannt gewordene Vorfälle gab es zuletzt auf Teneriffa. Zwei Beispiele:

Anti-Tourismus-Demos auf den Kanaren

Im Sommer entdeckten Touristen in Los Realejos im Norden der größten Kanaren-Insel Warnschilder. Darauf zu lesen war in englischer Sprache, dass Strände geschlossen seien. Für Einheimische gab es kleingedruckt den Hinweis, dass die Strände sehr wohl offen seien. Die Intention: Touristen sollten abgeschreckt werden und Einheimischen den Platz an den Stränden nicht streitig machen.

Arona liegt im Süden Teneriffas und gilt als Touristenstadt. Ausgerechnet dort gab es im Frühjahr eine Demonstration gegen den Massentourismus. Die angeheizte Stimmung sorgte schließlich zu einem Schlagabtausch zwischen einem Demonstranten und einem Urlauber, bei dem die Worte “Affe, geh nach Hause” fielen (mehr dazu hier).

Kanaren entwickeln das “Venedig-Syndrom”

Auf den Kanarischen Inseln wird mit der zunehmenden Ablehnung ein ähnliches Phänomen beobachtet, wie in Venedig. Dort kommen auf die etwa 50.000 verbliebenen Altstadt-Einwohner bis zu 30 Millionen Touristen – pro Jahr.

In der Coronazeit sahen die Einheimischen, wie ruhig und sauber die Stadt ohne den Massentourismus sein kann. Und dieses Leben wünschen sich einige von ihnen nun dauerhaft.

Auf den Kanaren wird daher vom “Venedig-Syndrom” gesprochen, wenn auf Plakaten konstruktive Botschaften von “Wir wollen eine Ökosteuer”, bis hin zu klarer Ablehnung á la “Es ist kein Tourismus, es ist Kolonialismus” oder eben “Touristen, geht nach Hause” zu lesen ist.

Stetig mehr Einwohner der Kanaren lehnen Urlauber ab

Grund für die bisher friedliche Koexistenz waren unter anderem die durch den Tourismus entstandenen Arbeitsplätze und die klare Trennung zwischen den Wohngebieten für Einheimische und Touristen. Doch Angebote wie die Plattform Airbnb, deren Geschäftsmodell es ist, bisher privaten Wohnraum unkompliziert an Touristen zu vergeben, sorgen für eine Durchmischung beider Lager.

Viele Vermieter entdecken diese lukrative Art, die Mieten zu steigern. Und das führt zu weniger Wohnraum für Einheimische. Das wiederum sorgt für steigende Mieten. Und so wird das ohnehin rasant teurer werdende Leben auf den Kanaren für viele Anwohner allmählich unbezahlbar.

Tourismus-Ministerin: Kanaren im “unvermeidlichen Konflikt”

Die Tourismusministerin der Kanarischen Inseln sieht “einen unvermeidlichen Konflikt des Zusammenlebens”. Für Jessica de León sei es die “größte Gefahr”, wenn es zu “einem allgemeinen Ausbruch von Tourismusphobie” komme.

Jorge Marichal ist Präsident von Ashotel. Der Experte spricht von einer bereits vor zehn Jahren ausgesprochenen Warnung seines kanarischen Hotel- und Gaststättenverbandes. Laut der Vereinigung komme es bereits seit einer Dekade zur “Touristifizierung von Wohngebieten” und zu einer “Residentialisierung touristischer Gebiete”.

Dieser zweite Aspekt sei insbesondere auf Gran Canaria zu sehen. Viele touristische Gebiete hätten sich mit der Zeit zu Wohngebieten für Auswanderer gewandelt. Für Ashotel stehe fest, dass die klassische Tourismusbranche keine Schuld am “Venedigsyndrom” habe. Viel mehr sei auf den Kanaren die Durchmischung von Einheimischen und Touristen im selben Wohngebiet problematisch.

Experten fordern Regeln für Kanaren-Tourismus von der Politik

Die Branchenverbände auf den Kanaren zeigen sich einig darin, dass der Tourismus für die Kanarischen Inseln eine zu große Rolle spiele, als dass Urlauber verteufelt werden könnten.

Antonio Hormiga, Präsident des Verbandes der Tourismusunternehmer von Fuerteventura, spricht von “Anarchie” in einigen Regionen. Corralejo sei ein Beispiel für eine Stadt, in der es zu einem klaren “Bruch zwischen Touristen und Einheimischen” gekommen sei.

Es müsse klarere Regeln geben, die weitere Strömungen dieser Art ausbremsen. Für die kanarische Tourismusministern ist das eine Herkulesaufgabe. Sie möchte Familien, die einen Teil ihres Einkommens durch die Vermietung einer Wohnung verdienen, die Existenzgrundlage lassen.

Zugleich möchte die Kanaren-Regierung das Pendel wieder in eine frühere Richtung ausschlagen lassen – als Einheimische die Touristen nicht nur akzeptierten, sondern das in ihnen sahen, was sie für die Kanaren immer waren: Erst ein Millionen, dann ein Milliardengeschäft, das zu Einnahmen und Arbeitsplätzen führte, wie sie vorher undenkbar scheinen.

Tourismus-Ministerium der Kanaren setzt auf Info-Kampagnen

Während viele Verbände gemeinsame Standards fordern und auch eine Ökosteuer diskutiert wird, treibt das Tourismusministerium eine andere Idee um: Zunächst will man dort auf eine Informationskampagne setzen. Diese soll mit “negativen Mythen” aufräumen.

Man wolle den Einheimischen zeigen, dass die Kanaren nicht nur vom Tourismus leben, sondern durch ihn erst aus der Armut befreit wurden. Ob die Einwohner diese Einschätzung beim Blick auf ihre Monatsabrechnung und die jüngste Mieterhöhung teilen, bleibt abzuwarten.


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Zunehmende Ablehnung: Kanaren-Einwohner von Touristen genervt

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Juan Martín ist Redakteur bei Teneriffa News. Zu seinem Autorenprofil geht es hier.

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Kommentare zu:

Zunehmende Ablehnung: Kanaren-Einwohner von Touristen genervt


  1. RFK schrieb am

    Geister, die ich rief… Man zog mit allen Mitteln Touristen an, beglückwünschte sich in der Politik zu immer neuen Rekorden und ignorierte die gesamte Infrastruktur auf Teneriffa. Seit nunmehr Jahrzehnten wird über eine Eisenbahnverbindung zwischen dem Norden und dem Süden geredet, aber nichts passiert. Seit Jahren lässt man zu, dass Wohnraum in Massen aufgekauft und über Portale wie Airbnb vermietet wird. Dringend benötigtes Personal in der Gastronomie schläft in Zelten, Höhlen etc., weil es die Mieten nicht bezahlen kann. Und das nicht erst seit gestern. Die Politik lässt Investoren jeglicher Art machen was sie wollen. Tourismusgiganten tanzen der Politik auf der Nase herum. Regeln gibt’s nicht, oder werden zum eigenen Vorteil ausgelegt.
    Und jetzt beginnt die Jammerei? Massive politische Fehler sind verantwortlich für diesen Zustand. Das Versäumnis, geldgierigen Spekulanten, illegalen Vermietern, Schwarzgeldbauherren nicht das Handwerk zu legen ist schuld, und nicht der Tourist, der einem verantwortungslosen Ruf folgt, den er leider nicht durchschaut.

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