Es gibt Verhaltensweisen, die wie kleine Fenster in eine Parallelwelt wirken. Neulich etwa meldete sich in einem Teneriffa-Forum ein Nutzer zu Wort. Erster Beitrag, keine weitere Vorstellung, sofort eine Forderung: „Hallo, meine Frau und ich kommen mal wieder…“. Dass man mit Hund reist, ergibt sich lediglich aus der Überschrift. Der Einzeiler endet mir der Frage: „Wer könnte uns vom Flughafen nach Puerto fahren?“
Nicht einmal der Hinweis, ob es Tenerife Norte oder Tenerife Sur ist. Die Erwartungshaltung war klar: Irgendjemand wird sich schon finden, der zwei Wildfremde kostenlos chauffiert. Schließlich ist man ja „mal wieder da“.
Solche Anfragen sind kein Einzelfall. Sie stehen exemplarisch für eine Sorte Tourist, der die Insel nicht als Lebensraum anderer Menschen begreift, sondern als eine Art All-Inclusive-Zone. Eine menschliche Infrastruktur, die durch die Buchung automatisch mit in Anspruch genommen wird. Wer glaubt, das sei übertrieben, sollte einen Blick in den Alltag werfen:
Die Kanaren als „All-Inclusive-Zone“
Auf vielen Kanaren-Inseln schlendern Menschen in Badehose oder Bikini durch den Supermarkt, als sei die Obstabteilung eine Erweiterung des Hotelpools. In Restaurants erscheinen Gäste mit nacktem Oberkörper und wundern sich, warum die Bedienung nicht in Begeisterungsstürme ausbricht. Höflichkeitsformen wie „Hola“ oder „Gracias“ scheinen für manche Besucher exotischer zu sein als mancher Papagei im Loro Parque.
Besonders eindrucksvoll wird’s, wenn Anspruchsdenken und Ahnungslosigkeit sich die Hand reichen. Ein ausgebuchtes Restaurant, die meisten Tische reserviert, die Wirtin jongliert zwischen Küche und Chaos. Ein Tourist sieht zwei Tische à vier Personen, schiebt sie ungefragt zusammen, da man zu fünft ist, und blockiert damit drei Sitzplätze, die das Lokal dringend bräuchte.
Als die Wirtin zurecht verärgert reagiert, ist der Gast empört. Er versteht nicht, dass er gerade nicht nur Möbel verrückt, sondern auch Abläufe und Reservierungen durcheinandergebracht hat. Fremdscham für die Landsleute wird in solchen Momenten zum natürlichen Reflex.
Kanarios wissen, dass sie vom Tourismus leben
Dabei ist eines wichtig: Die Kanarios wissen sehr genau, dass ihre Insel vom Tourismus lebt. Sie wissen, dass Hotels, Bars und Geschäfte ohne Besucher nicht existieren könnten. Doch sie wissen ebenso, dass es Grenzen gibt. Grenzen des Respekts, der Rücksichtnahme, der elementaren Höflichkeit.
Werden diese Grenzen täglich überschritten, ist es leider nicht gänzlich unverständlich, wenn an Häuserwänden plötzlich Graffiti auftauchen, wie die „Tourist go home“ und weitere Schmierereien. Nicht schön, nicht diplomatisch, doch ein Ventil. Ein Ausdruck von Frust darüber, dass manche Besucher sich benehmen, als gehöre ihnen die Insel – und die Einheimischen gleich mit.
Natürlich gibt es Hilfsbereitschaft. Natürlich gibt es Freundlichkeit. Doch Hilfe ist ein Angebot, kein Anspruch. Und Respekt ist keine Option, sondern Voraussetzung.
Vielleicht wäre das die eigentliche Botschaft an jene, die mit solchen Anfragen in Foren auftauchen, im Restaurant wie selbstverständlich Möbel verrücken oder halbnackt im Supermarkt stehen: Ein wenig Rücksicht, ein wenig Demut und ein wenig Realitätssinn wäre als Gast durchaus angebracht. Und wer wirklich jemanden braucht, der ihn vom Flughafen abholt, findet ihn sicher. Entweder durch das Einhalten der nötigsten Höflichkeitsformen oder anhand der Aufschrift: „Taxi“ oder „Guagua“ (Linienbus).













Leserkommentare zu:
Die feine Linie zwischen Kanaren-Urlaub und Unverschämtheit
Lieber Thomas Koch,
Sie sprechen auch mir aus der Seele.
Mitunter schäme ich mich als Deutsche und Residente hier für meine Landsleute!
Einen ganz besonders krassen Fall möchte ich an dieser Stelle zu dem leidigen Thema gerne beitragen.
So geschehen in einem Café, das seinen Besuchern Live Musik bietet und zwar, ohne Eintritt zu verlangen.
Natürlich erwarten die Betreiber, dass die Gäste auch etwas konsumieren. Dies ist allein schon ein heikles Thema, wurde aber kürzlich noch getoppt, als eine Touristin aus dem gegenüberliegenden „All-Inclusive“ Hotel ankam, einen Platz belegte und mit einer Tasse Café aus besagtem Hotel zurückkehrte.
Der Bedienung hat es beinahe die Sprache verschlagen …
Lieber Thomas Koch, Sie sprechen mir aus der Seele. Zahlreiche Beispiele könnten wir hier schildern, auch von unverschämt parkenden Mietwagen, Verhalten im Supermarkt etc.
Ein besonders prekäres Beispiel will ich kurz schildern. Ich war im Süden Teneriffas in einem kleinen asiatischen Restaurant. Es war Mittagszeit, außer mir waren noch zwei osteuropäische Ehepaare an einem Tisch im Lokal. Die Vier packten ein Laptop aus, stellten es in die Mitte des Tischs und ließen laut einen Spielfilm laufen. Absolut rücksichtslos! Aber die Inhaberin unternahm nichts dagegen. Auf meinen Hinweis reagierte sie mit einem verschämten Lächeln und sagte: ‚Tourist’!
Es ist glücklicherweise eine Minderheit, die sich derart benimmt und man kann davon ausgehen, dass sie sich zuhause genauso benehmen. Aber wir, wir alle, Touristen, Gastronomen, Einheimische, Zugereiste, dürfen uns das nicht gefallen lassen und sollten die Stimme erheben! So verstehe ich bis heute nicht, warum man auf den Kanaren freie Oberkörper in Restaurants toleriert. Ich verstehe nicht, warum es gestattet ist, Menschen beim Essen im Außenbereich der Restaurants mit dämlichem Verkaufsschnickschnack zu belästigen. Zu meinem Lieblingsthema ‚Lärmbelästigung‘ will ich nicht wieder etwas schreiben.
All diese Dinge versauen das gute Leben derer, die sich regelkonform und vernünftig verhalten. Das über Jahre gelebte ‚Laissez-faire-Prinzip’ der Kanaren hat dazu geführt, dass sich immer mehr Gestalten immer unverschämtere Dinge herausnehmen, die nicht in ein Gemeinwesen passen – erst recht nicht in eins, in dem man Gast ist!
Und damit wären wir auch wieder bei der Politik, die seit Jahren nach dem Motto handelt: Das Erzählte reicht, nicht das Erreichte zählt! Man erschwert Wanderern das Leben, lässt aber Quads stinkend durchs Naturschutzgebiet fahren. Was nehmen diese Leute denn für einen Eindruck mit? Ganz einfach: hier kann ich machen, was ich will.
Und nun zur Lösung! Strikte Vorgaben (auch für die Gastronomie!!!), strikte Kontrollen, striktes Durchgreifen, strikte Bußgelder! Erweiterung der Befugnisse der Policia Local und Aufstockung des Personals. Die absolute Mehrheit der Menschen auf den Kanaren würde das befürworten, da bin ich mir sicher.
Ja und Ja. Es gibt solche und solche. Der Dummheit sind keine Grenzen gesetzt. Einen guten Rutsch ins neue Jahr! Feiern können sie, die Spanier!
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