Teneriffa News
Ihr Kanaren-Profi – seit 2011
Teneriffa News
Ihr Kanaren-Profi – seit 2011
Meinung / Kommentar

Social Media trägt eine Mitschuld an den Ertrunkenen von Teneriffa

Drei Menschen sind auf Teneriffa ertrunken. Unser Autor macht soziale Medien für ihren Tod mitverantwortlich. Ein Kommentar:

Von Johannes Bornewasser – Lesedauer: 2 Minuten – 2 Leserkommentare bei Teneriffa News

Im Internet tummeln sich drei Arten von Menschen: Eine ist überwiegend stumm und konsumiert. Die zweite hat es immer schon gewusst. Auf der Jagd nach Bestätigung wird alles in Grund und Boden kommentiert. So wie in dieser Woche.

Die Kanaren liegen mitten im Atlantik. Das Wetter kann dort schnell umschlagen. Entsprechend früh werden Wetterwarnungen ausgegeben. Greifen die Medien solche Warnungen auf, dauert es nicht lang, bis erste Kommentatoren ein Foto von ihrem Standort posten. Das Narrativ: „Ihr mit eurer Panikmache, aber schaut her: Ich weiß es besser – und das soll jeder sehen!“

So auch in dieser Woche. Die Behörden gaben eine Wetterwarnung für mehrere Kanaren-Inseln aus und wir berichteten. Angekündigt wurde eine Calima mit Trockenheit in der zweiten Wochenhälfte. Ab dem Wochenende solle es dann Wellen und steigende Regenwahrscheinlichkeit geben. Es dauerte nicht lange und erste Facebook-Kommentatoren machten sich für den Gegenschlag bereit.

Wörtlich heißt es in unserem Beitrag von Mittwoch: „Es wird warm und trocken auf den Kanarischen Inseln. Das Wetteramt gab eine Calima-Warnung aus. Die Regierung ist in Sorge vor Waldbränden. Zum Wochenende hin werden dann Regen und hohe Wellen erwartet.“

Kaum veröffentlicht, gab es erste Kommentare bei Facebook: „Kann ich nicht bestätigen. Das Wetter ist klar und mit 25° sehr angenehm“, heißt es dort. Kurz darunter fragt ein anderer Kommentator: „Ist die sog. Meldung von KI? Im NO gibt es kein Calima.“

Facebook-Kommentare Kanaren-Wetter

Kommentare bei Facebook suggerieren: „Seht her, ich weiß es besser“.

„Es gibt nicht das eine Kanaren-Wetter“

In Wetterwarnungen fallen Begriffe wie „örtlich“ und „stellenweise“ bewusst. Es soll klar werden, dass ein Archipel von 7492 Quadratkilometern Größe nicht das eine Wetter hat. Es kann im Osten Hitze und Calima geben, während es im Westen regnet. Dazwischen, beispielsweise auf Teneriffa, sind hohe Wellen möglich, die schlimmstenfalls mehrere Menschen von den Hafenmolen spülen.

Den durchschnittlichen Facebook-Kommentator stört das nicht. Er liest den Beitrag im Regelfall nur zu Teil, oft genügt schon die Überschrift zur Meinungsbildung. Schnell wird nach dem eiligen Konsum des Nachrichtenfragments ein Sonnenfoto als vermeintlicher Gegenbeweis gepostet. Kommt es dann doch wie angekündigt, wird der Kommentar hastig gelöscht. Wenn nicht, hat man es eben schon immer gewusst: „Die Medien wieder mit ihrer Panikmache!“

Gefährlich wird’s, wenn andere Menschen solche Warnmeldungen auch aufgrund des Herabspielens durch vermeintliche Facebook-Experten weniger ernst nehmen und sich in Lebensgefahr begeben.

Wer dann in den Wellen ums Leben kommt, ist übrigens der dritte Typ Internet-Mensch. Er sucht ebenfalls Bestätigung – über möglichst spektakuläre Fotos. Noch vor 15 Jahren hätte sich kaum jemand freiwillig in Gefahrenbereiche gestellt. Heute ist das anders: Ein Selfie direkt aus der Brandung von Teneriffa eignet sich hervorragend für die virtuelle Gefolgschaft daheim. Zumindest, wenn man noch dazu kommt, es zu veröffentlichen.


Für Sie ausgewählt

Über den Autor

Social Media trägt eine Mitschuld an den Ertrunkenen von Teneriffa

wurde geschrieben von:

Johannes Bornewasser

Johannes Bornewasser ist Gründer und Herausgeber der Teneriffa News. Er hat zudem die redaktionelle Verantwortung inne. Zum Autorenprofil von .

Diskussion

Leserkommentare zu:

Social Media trägt eine Mitschuld an den Ertrunkenen von Teneriffa


  1. Esther Zentrich schrieb am

    Hallo Herr Bornewasser, vielen Dank für Ihren Kommentar! Sie sprechen mir aus der Seele. Ich hatte mich zuvor selbst über solch dümmliche Kommentare geärgert. Wer die Wellen auf den Kanaren kennt, weiß, dass oft nach 10 Minuten eine plötzlich viel größere Dimensionen hat als die vorherigen. Die Bilder des Unglücks zeigen die maßlose Unterschätzung dieser Naturgewalt. Man könnte vielleicht mehr mit Plakaten warnen, auf denen Todeszahlen eindringlich auf die reale Gefahr hinweisen. Aber klar, auch dann gäbe es Besserwisser. Beste Grüße von La Gomera

  2. RFK schrieb am

    Lieber Johannes Bornewasser, Sie haben meine volle Unterstützung! Nicht zuletzt deshalb, weil Sie noch seriösen Journalismus ausüben mit gründlicher Recherche. Reißerische Thesen sind Ihnen fremd, Sie ‘springen nicht sofort auf jeden Zug auf’ und Sie hecheln nicht nach Claqueuren.
    Sie decken jetzt ein Phänomen auf, dem wir in Deutschland, und vermutlich nicht nur hier, täglich begegnen: die Besserwisserei. Menschen, die keine Ahnung haben, aber sehr schnell eine Meinung, äußern sich in den sozialen Netzwerken. Und darauf erscheint das zweite Phänomen: Diesen unwissenden und bedenkenlos schreibenden Deppen folgen sofort weitere Leute, die ebenfalls keine Ahnung haben und sich auch nicht die Mühe machen, den Wahrheitsgehalt zu recherchieren.
    Und da Plattformen wie Facebook oder ‘X’ gar kein Interesse an Seriosität haben, sondern nur an Profit, wird sich das nicht ändern. Bringt doch im vorliegenden Fall der Tod von drei Menschen wieder eine tolle Schlagzeile…
    Es ist widerlich, aber wir können etwas tun: ich nutze Facebook und ‘X’ schon lange nicht mehr!

Diese Funktion ist unseren Mitgliedern vorbehalten. Hier finden Sie unsere Angebote.