Arbeitnehmer auf den Kanaren behalten Jobs nur aus Alternativlosigkeit


Der Arbeitsmarkt auf den Kanaren ist angespannt. Unzufriedene Mitarbeitende trauen sich daher oft nicht, zu kündigen und neu zu starten. Das zeigen die Zahlen.

Lesedauer: 3 Min.

Das Phänomen nennt sich die „große Resignation“. In der Folge der Pandemie hinterfragen viele Menschen ihren Alltag. Immer öfter verändern sich viele von ihnen auch beruflich. Entsprechend steigt die Fluktuation am Arbeitsmarkt.

Auf den Kanarischen Inseln bleibt dieses Phänomen weitgehend aus. Experten bringen das mit der hohen Arbeitslosigkeit zusammen. Die niedrige Job-Fluktuation sei demnach kein Zeichen von Zufriedenheit, sondern von Alternativlosigkeit.

Während die große Resignation in Ländern wie den USA also Höchstwerte erreicht, liegt sie auf den Kanaren mit 13,6 Prozent verhältnismäßig niedrig. Allerdings ist die Arbeitslosenquote in den USA mit unter vier Prozent auch deutlich niedriger.

Der Bericht zur großen Fluktuation ist von der Personalvermittlung „Randstad“ veröffentlich worden. Er zeigt, dass die Kanarischen Inseln mit einem Jahresdurchschnitt von 13,6 Prozent die drittniedrigste Fluktuation aller autonomen Gemeinschaften Spaniens haben.

Kanaren bei der „großen Resignation“ unter den Schlusslichtern in Spanien

Berechnet wird dieser Wert anhand der Anzahl von arbeitnehmerseitigen Kündigungen. Diese werden mit der Anzahl aller Mitarbeitenden der Unternehmen ins Verhältnis gesetzt. Auf nationaler Ebene ergibt sich dadurch ein Durchschnitt von 17 Prozent. Die Regionen Andalusien, Navarra und Murcia bringen es auf Werte um die 23 Prozent. Die Schlusslichter bilden die Kanarischen Inseln sowie die Valencianische Gemeinschaft mit 11,7 Prozent und schließlich das Baskenland mit 9,1 Prozent.

Experten sehen einen Zusammenhang aus Arbeitslosenquote und Fluktuation. Sie glauben, dass in Ländern mit mehr Beschäftigung entsprechende Sprünge möglich sind. Dort können Arbeitnehmer durch eine Kündigung also an anderer Stelle einen Neuanfang zu besseren Konditionen starten. In Ländern und Regionen mit höherer Arbeitslosigkeit überwiegt hingegen die Sorge davor, in die Erwerbslosigkeit zu rutschen, sich also zu verschlechtern.


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Die Begrifflichkeit muss daher genau geklärt werden. Denn während eigentlich dieses Phänomen mit Resignation gut umschreiben wäre, bezieht sich die „große Resignation“ darauf, dass Menschen den Sinn in ihrer Tätigkeit nicht mehr sehen und daher den Job wechseln.

Arbeitsmarkt auf den Kanaren schwieriger als anderswo

Auf den Kanarischen Inseln siegt hingegen die Alternativlosigkeit über die große Resignation. Ein Blick auf den Arbeitsmarkt hilft bei der Spurensuche. Denn die Inseln leben überdurchschnittlich vom Tourismus. In der Branche werden niedrige Löhne gezahlt. Auch, da die Eintrittsbarrieren niedrig sind und die Konkurrenz damit hoch.

In der Folge gibt es viele unzufriedene Mitarbeitende, die aus Sorge vor der Arbeitslosigkeit lieber einen schlecht bezahlten Job akzeptieren. Das jedoch drückt auf die Zufriedenheit. Eine niedrige Fluktuation kann also so gelesen werden, dass Menschen nur aus Angst keinen Sprung wagen – geschweige denn ihre Träume zu verwirklichen – und dadurch immer unzufriedener werden.

Kanaren: Arbeitsbedingungen demotivieren mitarbeitende

José Cristóbal García ist Vizepräsident des Kanarischen Arbeitgeberverbands (CCE). Er sagt: „Bei einer so hohen Arbeitslosenquote verlassen nur wenige Menschen ihren Arbeitsplatz mit dem Gedanken, einen besseren zu finden.“ Der kanarische Arbeitsmarkt habe keinerlei Ähnlichkeit zu dem der USA. „Dort gibt es kaum Arbeitslosigkeit, und die Mobilität der Arbeitskräfte ist viel größer.“

Während García damit den Grund eher auf Seiten der Arbeitnehmenden sucht, blickt María del Carmen Marrero anders auf die Situation. Sie arbeitet für den Bereich Gesundheit und Nachhaltigkeit am Arbeitsplatz für die Gewerkschaft CCOO auf den Kanarischen Inseln. Marrero sieht den Grund für das Phänomen weniger statistisch und eher inhaltlich.

Laut der Expertin sei mehr als die Hälfte aller Arbeitnehmenden in ihrem Beruf demotiviert, „weil sie nicht die nötigen Mittel erhalten, die Löhne nicht angemessen sind oder sie ihre Arbeit nicht mit ihrem Familienleben vereinbaren können“.

Arbeitnehmer in anderen Regionan Spaniens zufriedener

Dass beispielsweise das Baskenland besser dasteht, liegt laut Marrero darin begründet, dass es dort bessere Arbeitsbedingungen und Gehälter gibt: „Die Arbeitnehmer dort haben nicht das Bedürfnis, nach etwas Besserem zu suchen.“

In vier von zehn Unternehmen, die an der Studie teilnahmen, hat die Job-Rotation im vergangenen Jahr zugenommen. Nur in 6,5 Prozent der Fälle war sie rückläufig. Mit Blick auf das Jahr 2023 erwartet jedes vierte Unternehmen eine Umsatzsteigerung. Darunter befinden sich überdurchschnittlich oft Betriebe aus dem Hotel- und Gastgewerbe. Nach der Pandemie und den damit einhergehenden Einnahmeverlusten ist eine Beteiligung der Arbeitnehmenden an den steigenden Umsätzen flächendeckend nicht zu erwarten. Was das für deren Zufriedenheit bedeutet, bleibt abzuwarten.

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Juan Martín ist redaktioneller Mitarbeiter von Teneriffa News. Er ist auf den Kanaren zuhause und schreibt bereits seit vielen Jahren unter anderem über die Inseln.

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