Zum Inhalt springen
Mittwoch, 30. September 2026
Kanaren

Räumungsklagen: So wollen die Kanaren jetzt ihre Mieter schützen

Das Schicksal einer schwer kranken Frau zeigt die Problematik der Klagen gegen Mieter auf den Kanaren. Die Politik will reagieren, agiert bislang jedoch zu langsam. Das ist jetzt geplant.
Das Wichtigste in Kürze: Zusammenfassung zeigen Zusammenfassung ausblenden
  • Auf den Kanaren gingen im vergangenen Jahr 1129 von 1426 Zwangsräumungen auf das Mietrecht zurück, ein Anteil von 79,2 Prozent.
  • Der spanische Ministerrat beschloss zwei Dekrete, die den Schutz vor Zwangsräumungen bis 2030 verlängern und Wohnungskäufe durch Geierfonds bis 2028 verbieten.
  • Auf den Kanaren gehören 87 Unternehmen zusammen 37.067 Wohnungen, während 76 Prozent der privaten Vermieter nur eine einzige Wohnung besitzen.
Unsere Mitglieder sehen hier eine praktische Zusammenfassung

Der Fall von Maricarmen Abascal ist spanienweit in aller Munde. Die 87-Jährige wurde vergangenen Mittwoch aus ihrer Madrider Wohnung vertrieben, in der sie seit 1956 zur Miete lebte. Nur dank einer Vereinbarung mit der Eigentümergesellschaft konnte sie zurückkehren. Zuvor gab es stadtweit Tumulte, die landesweit für Aufsehen sorgten. Mietverhältnisse haben auch auf den Kanarischen Inseln im vergangenen Jahr für Streitigkeiten gesorgt. Acht von zehn Zwangsräumungen auf den Kanaren gingen zuletzt auf ähnliche Fälle zurück.

Von den 1426 Räumungen, die die Gerichte der Inseln im vergangenen Jahr vollstreckten, gingen 1129 auf Verfahren nach dem Mietrecht zurück. Das waren 79,2 Prozent und mehr als drei Fälle pro Tag. Die übrigen Räumungen entfielen auf 224 Hypothekenvollstreckungen und 73 sonstige Gründe.

Der Oberste Richterrat (CGPJ) zählt eine Räumung je Immobilie, sobald ein Gericht die Zwangsöffnung einer Wohnung anordnet. In Summe sank die Zahl gegenüber 2024 zwar, als die Gerichte 1732 Räumungen vollstreckten. Der Anteil der Mietsachen stieg jedoch im selben Zeitraum von 75,2 Prozent im Jahr 2024 auf 79,2 Prozent. Und hinter den aktuellen Fällen stehen ebenso wie in Madrid teils harte Einzelschicksale:

Teneriffa: Schwerkranke entgeht vorerst drittem Räumungsversuch

In der Provinz Santa Cruz de Teneriffa vollstreckten die Gerichte 570 Räumungen, davon unter anderem 439 im Zusammenhang mit Mietverträgen und 103 wegen Hypotheken. Im laufenden Jahr setzte sich der Rückgang vorerst nicht fort. Im ersten Quartal gab es in der Provinz 56 Mieträumungen. Das entsprach der Zahl der letzten drei Monate des Jahres 2025.



Hinter solchen Zahlen verbergen sich ähnlich gelagerte Fälle wie bei Maricarmen Abascal: In Granadilla de Abona lebt eine 54 Jahre alte Frau mit Krebs im Endstadium. Die Räumung ihrer Wohnung wurde für vergangenen Freitag angesetzt. Es war bereits der dritte Räumungsversuch. Nach dem Eingreifen der Stadtverwaltung und des Kanarischen Wohnungsinstituts setzten die Behörden den Termin jedoch vorläufig aus.

Nach Angaben der Mietergewerkschaft von Teneriffa fand die Betroffene keine Ersatzwohnung. Der Grund: Als Schwerstkranke konnte sie weder Lohnabrechnung noch Arbeitsvertrag vorlegen. Mehr als 200 Nachbarn und Freunde versammelten sich wegen des Falls am Donnerstag vor der Regierungsunterdelegation in Santa Cruz de Tenerife. Die Organisatoren werteten das Eingreifen als vorläufigen Erfolg. Sie kündigten zudem weitere Proteste an, sollte die Räumung erneut angesetzt werden.

Spanien verabschiedet zwei Dekrete gegen Zwangsräumungen

Inzwischen reagierte auch die spanische Politik: Der Ministerrat beschloss am Dienstag zwei Wohnungsdekrete, die den Schutz vor Zwangsräumungen bis 2030 sowie laufende Mietverträge, die vor Ende 2028 auslaufen, um zwei Jahre verlängern. Die beiden Erlasse regeln zudem die Saison- und Zimmervermietung und sie verbieten bis 2028 Wohnungskäufe durch sogenannte «Geierfonds». Dabei handelt es sich um Investment- oder Hedgefonds, die Immobilien von fast bankrotten Schuldnern günstig aufkaufen, um später – notfalls auch gerichtlich – den vollen Nominalwert einzufordern. Spanien führte zudem mit Blick auf den Fall von Maricarmen Abascal eine automatische Vertragsverlängerung ein. Mieterorganisationen fordern diesen Schritt bereits seit langem.

Doch auch Kritik an dem Vorgehen kam auf. So stört sich beispielsweise die Mietergewerkschaft Sindicato de Inquilinas an der «Zerstückelung» in zwei Gesetzestexte und kündigte für den 3. und 4. Oktober landesweite Demonstrationen an. Die Regierung bat die Abgeordnetenkammer derweil um ein außerordentliches Plenum am Freitag. Dort sollen beide Dekrete bestätigt werden. Ohne diese Zustimmung würden sie verfallen.

Die Verlängerung und die automatische Erneuerung schützen vor allem Menschen, deren Mietvertrag ausläuft. Die vom Obersten Richterrat erfassten Mieträumungen gehen nach dessen Angaben überwiegend auf Zahlungsausfälle zurück. Die Lebenshaltungskosten stiegen in Spanien ebenso wie in vielen anderen Ländern der EU zuletzt deutlich.

Kanaren wollen Mietern in Schieflage helfen

Auf den Kanaren werden solche Fälle über das Programm «Canarias ProHogar» des Kanarischen Wohnungsinstituts bearbeitet. Im vergangenen Jahr gingen dort 671 Anträge ein, 320 davon in der Provinz Santa Cruz de Tenerife. Das teilte das unter anderem für Wohnungsbau zuständige Ministerium auf Nachfrage mit.

Kanaren-Präsident Fernando Clavijo sagte mit Blick auf den Fall aus Madrid in der vergangenen Woche, dass das System versagt habe. Der Politiker forderte vom Staat einen Rechtsrahmen zum Schutz von Menschen in vergleichbaren Situationen. Die Kanaren seien allein nicht in der Position, Zwangsräumungen zu bremsen.

Zonen mit angespanntem Wohnungsmarkt wurden auf den Inseln bislang nicht definiert, obwohl das Gesetz die Möglichkeit dazu hergibt.

95.000 Kleinvermieter auf den Kanaren

Die Inseln führen rund 95.000 Kleineigentümer in ihrem Wohnungsregister, die eine Immobilie als Hauptwohnsitz an Privatpersonen oder Familien vermieten. Das geht aus den jüngsten Statistiken der Steuerbehörde zu den Einkommensteuererklärungen hervor. Die spanische Zentralbank beziffert den Anteil der Privatpersonen am Wohnungsmietmarkt auf etwa 90 Prozent. Demnach haben jedoch nur wenige Ausnahmen mehrere Immobilien: Fast 99 Prozent der privaten Vermieter besitzen weniger als sechs Wohnungen, 76 Prozent sogar nur eine einzige vermietete Wohnung. Meist sei diese vererbt oder als Altersvorsorge gekauft worden.

Das Katasteramt zählt auf den Kanaren 991.301 Wohnimmobilien. Davon sind lediglich 74.632 auf Privatpersonen registriert. Auf der anderen Seite stehen Unternehmen mit Dutzenden Objekten. 24 Prozent davon besitzen mehr als 100 Immobilien. Auf den Kanarischen Inseln gehören 87 steuerpflichtigen Unternehmen in Summe 37.067 Wohnungen, also durchschnittlich 426 Wohnungen pro Eigentümer.

Am stärksten fällt dabei Tías auf Lanzarote auf: Nur knapp 3900 der rund 14.300 Wohnimmobilien der Gemeinde entfallen auf private juristische Personen, also 27,3 Prozent. Es folgen La Oliva mit 18,3 Prozent, Yaiza mit 16,8 Prozent, Mogán mit 16,3 Prozent und Arona mit 15,2 Prozent.

Wer die Großeigentümer namentlich sind, bleibt größtenteils offen. Die PSOE brachte vor einem Jahr im Parlament der Kanaren einen Vorstoß für ein Gesetz ein, das ein Register für natürliche und juristische Personen mit vielen Immobilien einführen sollte. Die Regierungsparteien lehnten den Vorstoß jedoch mehrheitlich ab.

Der Beitrag

«Räumungsklagen: So wollen die Kanaren jetzt ihre Mieter schützen»

erschien in den Kategorien
Kommentare zu

«Räumungsklagen: So wollen die Kanaren jetzt ihre Mieter schützen»

Noch keine Kommentare zu diesem Artikel.

Kommentieren ist Teneriffa-News-Mitgliedern vorbehalten. Jetzt anmelden oder Mitglied werden.