Er ist ein leises Hintergrundrauschen, das manche Auswanderer irgendwann wahrnehmen. Nicht alle. Manche leben hier seit Jahren völlig stabil, völlig zufrieden. Andere spüren an bestimmten Tagen, dass die Insel eben eine Insel ist: schön, warm, freundlich, doch räumlich begrenzt. Und genau für diese Momente gibt es kleine, unspektakuläre Tricks, die erstaunlich gut funktionieren.
Der deutsche Wetterbericht ist einer davon. Er hat für das eigene Leben keinerlei Bedeutung mehr, doch eine bemerkenswerte emotionale Wirkung. Während in Deutschland graue Regenwolken durchziehen, sitzt man selbst in der Sonne.
Ein kurzer Moment, in dem die Entscheidung für dieses Leben noch einmal bestätigt wird. Man schaut auf die Karte, sieht die Regenfronten irgendwo zwischen Nordsee und Alpen und denkt: Deshalb bin ich hier. Mehr braucht es nicht.
Die Kanaren und der Insel-Koller
Ähnlich funktioniert es beim Essen. Man kocht ein Gericht aus der Heimat, nicht zwingend aus Nostalgie, sondern weil es einfach gut tut, etwas Vertrautes auf dem Teller zu haben. Ein Wiener Schnitzel, das in der Pfanne leise knistert und goldgelb wird. Ein Kaiserschmarren, der beim Wenden in große, duftende Stücke zerfällt. Oder ein norddeutscher Klassiker. Birnen, Bohnen und Speck. Eine Kombination, die für Außenstehende seltsam klingt, doch nach kühlem Wind, weitem Himmel und einer Küche schmeckt, die ohne Schnickschnack auskommt.
Natürlich muss dafür gelegentlich improvisiert werden. Nicht alle Zutaten gibt es eins zu eins wie in der Heimat. Also wird ersetzt, variiert und angepasst. Trotzdem entsteht diese kleine Zufriedenheit. Kein Überlegenheits-, sondern ein heimisches Gefühl: Das hier ist meins. Das kennt hier niemand. Auch ein Kurztrip auf eine andere Insel sorgt für Abwechslung im Alltag. Residenten bezahlen für Flug- oder Fährtickets nur einen Bruchteil.
Insel-Koller auf den Kanaren und mögliche Auswege
Inselkoller entsteht selten aus echter Enge. Meistens fehlt nur die spontane Reichweite, die vom Festland gewohnt war. Dort konnte jederzeit ins Auto gestiegen und in eine fremde Stadt gefahren werden, oder in ein anderes Land. Auf Inseln fahren Sie im Kreis. Und irgendwann kennt man jeden davon.
Dann helfen diese kleinen Rituale, die das Leben wieder öffnen. Ein Wetterbericht, ein improvisiertes Heimatgericht, ein Gespräch mit jemandem, der gerade friert. Es sind keine Fluchten, sondern Erinnerungen daran, sich bewusst für dieses Leben entschieden zu haben.
Manche brauchen hin und wieder solche kleinen Tricks, andere nie. Und beides ist völlig in Ordnung. Inselkoller ist kein Zeichen von Schwäche, sondern ein Hinweis darauf, dass manchmal ein bisschen mehr Welt benötigt wird, als die Insel gerade hergibt. Und das lässt sich erstaunlich leicht überspielen, mit Sonne, einer Pfanne und einem zufriedenen Grinsen.















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Tipps gegen Insel-Koller: Kleine Alltags-Fluchten auf den Kanaren
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