Kanaren in der Krise: Kein Geld mehr – Landwirte müssen Waren wegschmeißen


Mit gut einem Jahr Verzögerung hat die Krise endgültig die Portemonnaies der Menschen auf den Kanarischen Inseln erreicht. Eltern müssen immer öfter ihren Kindern und deren Familien aushelfen. Landwirte schmeißen Teile ihrer Produktion weg, da das Geld fehlt, um frisches Obst und Gemüse zu kaufen.

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In der zweiten Monatshälfte ist es besonders schlimm. Das berichten Landwirte – bestätigt von Markt-Vertretern. „Der Abschwung im April ist nicht normal“, zitiert Infocasa Carmen González. Die Managerin des Zentralmarkts von Alcaravaneras in Las Palmas de Gran Canaria beobachtet, dass die Menschen immer weniger Geld für hochwertige Lebensmittel ausgeben.

Tatsächlich geht der Einkauf frischer Produkte stets nach etwa zwei Wochen zurück. Der Grund wird in den Auswirkungen der Corona-Pandemie vermutet. Das Kanarische Bruttoinlandsprodukt ist zu rund 40 Prozent vom Tourismus abhängig. Und der ist weiterhin im Dornröschenschlaf gefangen.

Ebenfalls wichtig für die Wirtschaft der Inseln ist die Landwirtschaft. Doch mit jedem Monat Erte, dem spanischen Pendant zum deutschen Kurzarbeitergeld, sowie der erhöhten Arbeitslosigkeit auf Grund des weiter ausbleibenden Tourismus, leidet auch dieser Wirtschaftszweig enorm.

Laut González gehe der Kauf und Verzehr nicht nur von Obst und Gemüse, sondern auch der von Fleisch und Fisch insbesondere in der zweiten Monatshälfte zurück. Sogar Vergleiche zur großen Wirtschaftskrise aus dem Jahr 2008 machen inzwischen die Runde. Es wird von Großeltern berichtet, die die Familien ihrer Kinder mit Teilen ihrer Rente über Wasser halten müssen.

In der Folge sind immer mehr Landwirte dazu gezwungen, Teile ihrer Produktion zu vernichten. Zum einen genügt die Nachfrage schlicht nicht mehr, um alles abzuverkaufen. Zum anderen sorge dies wiederum zu einem so großen Preisverfall, dass – je nach Produkt – das Vernichten des Anbaus wirtschaftlicher sei, als das Finalisieren der Produktionskette bis zur Lieferung an die Supermärkte.

Kanaren: Nachfrage für Obst, Gemüse und Kräuter sinkt dramatisch

Die Präsidentin des Verbands der Landwirte und Viehzüchter der Kanarischen Inseln (Asaga), Angela Delgado, sagte, dass inzwischen sogar in der ersten Monatshälfte deutlich weniger Nachfrage herrsche. Während der ersten beiden April-Wochen sei der Verkauf – insbesondere im Beriech Obst, Gemüse und Kräuter – bereits um etwa 40 Prozent eingebrochen.

„Bei geringerer Nachfrage und gleichem Angebot, drücken die Vertriebsketten die Preise nach unten.“ Auf diese Weise seien die Produzenten dazu gezwungen. „unter ihren Kosten zu verkaufen“, sagt Delgado weiter. Hinzu komme ein Trend des immer stärkeren Imports.

Über das Thema Lebensmittelspenden habe sich der Verband selbstverständlich Gedanken gemacht, sagte die Asaga-Präsidentin. Problematisch sei jedoch, dass auch dies mit Kosten für den Produzenten verbunden ist. Und die stünden bereits mit dem Rücken zur Wand.

Dennoch ist es in einigen Betrieben gängige Praxis, Lebensmittel zu spenden. Inzwischen können sich das allerdings längst nicht mehr alle Hersteller leisten. Sogar einige Tafeln müssten Teile der Produktion ablehnen, da die Menge an verderblicher Ware nicht komplett angenommen werden könne, erklärt Delgado.

Corona-Krise auf den Kanaren: „Die Leute haben einfach kein Geld mehr“

Der Vorsitzende der Organisation der Landwirte (Coag), Rafael Hernández, sieht den Grund für den enormen Einbruch der Wirtschaftskraft in der Mitte der kanarischen Gesellschaft ebenfalls beim Kurzarbeitergeld. Er ergänzte: „Der lokale Verbrauch ist in den letzten zwei Monaten sprunghaft gesunken, insbesondere im April. Der Umsatz ist deutlich eingebrochen, weil die Leute einfach kein Geld mehr haben.“

Bereits vor der Pandemie hatten spanische Landwirte auf ihre Situation aufmerksam gemacht. Sie forderten faire Löhne und höhere Gewinnbeteiligungen. Durch die aktuelle Situation stünde es nun nochmals deutlich schlechter.

Branchenverbände berichten davon, dass für ein Produkt, das im Geschäft einen Euro kostet, teilweise nur zehn Cent beim Landwirt landen. Dies sei beispielsweise bei Kohl oder Zucchini der Fall. Über alle produzierten Waren hinweg betrachtet, liege das Verhältnis bei einem zu drei Euro.

Hernández sagt dazu: „Die Situation hat sich erheblich verschlechtert. Die Nachfrage ist gesunken und die Preise sind es auch.“ Viele Landwirte seien nach mehr als einem Jahr Pandemie an ihrer Grenze angelangt. Die Situation sei so dramatisch, dass die gezahlten Preise für einige Produkte inzwischen unterhalb der verursachten Kosten lägen. Das heißt im Klartext: Die Arbeit vieler Landwirte auf den Kanarischen Inseln verbrennt inzwischen aktiv deren Geld.

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Über den Autor

Johannes Bornewasser ist Herausgeber von Teneriffa News. Er hat zudem die redaktionelle Verantwortung inne. Zu seinem Autorenprofil geht es hier.

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