Gran Canaria: Anwohner errichten Barrikaden gegen Flüchtlinge


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Dutzende Einwohner von Gran Canaria errichten Barrikaden, um die Ankunft von Einwanderern in ihrem Ort zu verhindern. Der Bürgermeister ist enttäuscht von der regionalen Politik. Die Einwohner haben Angst vor Covid-19. Die Polizei muss schließlich eingreifen. Der Protest verläuft dennoch überwiegend friedlich.

Knapp 100 der 696 Einwohner von Tunte (Gemeinde San Bartolomé de Tirajana) auf Gran Canaria haben in der Nacht zu Donnerstag gegen die Ankunft einer Gruppe Migranten protestiert. Die Demonstranten errichteten Barrikaden und skandierten Sprechchöre.

Es ist etwa 20 Uhr, als die Polizei mit mehreren Mannschaftswagen die Straßen im Ort Tunte räumt. Polizisten fahren mit Mannschaftswagen vor und schicken die Demonstranten beiseite. Das Ziel des Räumungskonvois: Ein Flüchtlingsheim der kleinen Ortschaft auf Gran Canaria.

 

Gran Canaria: Protest gegen Flüchtlinge via social Media organisiert

Die Protestler hatten sich hauptsächlich über soziale Netzwerke und Messenger wie WhatsApp verabredet. Sie verteilten seit dem Mittag Müllcontainer, Recyclingbehälter für Papier und Glas sowie Äste und Zweige auf den Straßen. Verhindert werden soll die Ankunft eines Teils der Gruppe Flüchtender, die zuvor drei Tage am Arguineguín-Dock ausgeharrt hatten. Dort waren 71 Personen auf ihrer Flucht aus Afrika angekommen und seither festgesetzt worden.

Die Sorge der Einwohner ist zweigeteilt. Vor allem herrscht Angst vor dem Corona-Virus. Während der Verabredung über diverse, meist digitale Kanäle, entstehen auch Gerüchte, dass es positive Covid-19-Fälle in der Gruppe gebe. Diese erreichten auch das lokale Rathaus.

Am Nachmittag greift der Bürgermeister von San Bartolomé de Tirajana, Samuel Henríquez, diese Sorge auf. Er spricht in einer Erklärung davon, dass „zwölf Einwanderer unter Verdacht stehen, Covid-19 erkrankt zu sein“. Eine Sprecherin der regionalen Regierung widerspricht dem wenig später. Sie sagt, dass keine der nach Tunte verlegten Personen positiv getestet worden war.

Bürgermeister von Tunte verärgert über Verdrängung bereits integrierter Flüchtlinge

Dann jedoch berichtet der Bürgermeister vom zweiten Aspekt, der ihn an der Angelegenheit störe. Seiner Aussage nach hätte ihn die Regierung nicht über die Verlegung informiert. „Über Nachbarn“, sagt Henríquez, habe er von dem Transport erfahren. Dieser Stil, vor allem aber die Konsequenz für die bisherigen Bewohner des Flüchtlingsheims sei es, was ihn störe.

Bisher hätten an dem Ort 80 Personen gelebt, die sich mit der Zeit integriert hatten. Diese sollen nun auf andere Teile Gran Canarias umverteilt werden. „Dieser Integrationsgrad hat Monate gedauert. Es war für niemanden einfach, aber wir sind schließlich Nachbarn geworden. Wir sprechen über Menschen, die ein neues Leben suchen und sich integrieren wollen. Bei Tunte ist uns das gelungen. Wir verstehen diese Entscheidung nicht“, sagt der Bürgermeister.

Protestler auf Gran Canaria vertreiben Reporter

Auch bei den Einwohnern auf der Straße ist es eine Mischung aus mehreren Gefühlen. Dort scheint die Sorge um die eigene Gesundheit im Vordergrund zu stehen. Doch eben auch die Angst darum, erneut mit Integrationsarbeit konfrontiert zu werden.

Gegenüber Reportern gehen Teile der Demonstrierenden entsprechend vehement vor. Sie hindern die Pressevertreter daran, ihrer Arbeit nachzugehen. Zunächst noch durch versperren der Kamera, später auch durch aktives Wegdrängen, wie auch einer von mehreren Videoclips des regionalen Fernsehens zu diesem Thema zeigt:

Gegenüber der Polizei gehen die Demonstranten dann am Abend vorsichtiger vor. Die Barrikaden vor Ort werden von den Beamten weggeräumt, so dass der Reisebus mit den neuen Nachbarn passieren kann. Es sind für die Polizisten nur wenige Handgriffe. Das liegt auch daran, dass die Demonstranten den Beamten gegenüber friedlich bleiben, die Polizei wiederum bestimmt, dabei aber besonnen vorgeht.

So erreichen die neuen Nachbarn schließlich das Wohnheim auf Gran Canaria. Für sie endet eine mehrtägige Irrfahrt – erst über den Atlantik und dann durch den Behördendschungel vor Ort.

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Gran Canaria: Anwohner errichten Barrikaden gegen Flüchtlinge

wurde veröffentlicht in: Aktuelles, Gran Canaria

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Über den Autor
Johannes Bornewasser

Johannes Bornewasser ist Herausgeber von Teneriffa News. Er hat zudem die redaktionelle Verantwortung inne. Zu seinem Autorenprofil geht es hier.

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