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Kanaren: Protest gegen Massen-Tourismus gipfelt in Hungerstreik


Auf den Kanarischen Inseln entlädt sich Frust über die regionale Tourismus-Politik. Aktivisten treten in Hungerstreik und fordern die Politik zum Handeln auf. Und sie erhalten Zuspruch.

Von Johannes Bornewasser Lesedauer: 4 Minuten

Einheimische auf den Kanarischen Inseln haben die Nase voll. Sie machen den Tourismus für Probleme der Wohnungsnot, Überfüllung, Preisentwicklung, den Wasserverbrauch oder die Müll-Entsorgung verantwortlich.

Einige dieser Punkte sind kaum haltbar. So verbrauchen Touristen grade mal rund zehn Prozent des Trinkwassers. Und auch bei Themen wie Müll-Entsorgung und Umweltschutz hinken die Kanaren dem europäischen Festland tendenziell eher hinterher, als dass Urlauber von dort sie ausbremsen. Doch die Wohnungsnot und die Preisentwicklung sind eng mit dem Tourismus verbunden. Und darüber entlädt sich derzeit Frust.

Eine Vereinigung mit dem Namen “Canarias Se Agota” protestiert von Teneriffa aus gegen die ihrer Ansicht nach viel zu stark auf Tourismus ausgerichtete Politik der Kanarischen Inseln. Und die Vereinigung erhält Zuspruch von ihren Nachbarinsel, wie Gran Canaria. Ihre Botschaft mündet in Graffiti und Protest-Aktionen. Und nun kommt sogar ein unbefristeter Hungerstreik hinzu.

Proteste gegen Billig-Tourismus auf den Kanaren

Der Hungerstreik begann am Donnerstag. Und Hunderte Menschen unterstützen die Aktivisten. Die Vereinigung kämpft dabei nicht für ein Ende des Tourismus, sondern für eine Abkehr der aus ihrer Sicht bedingungslosen Tourismus-Politik der Kanarischen Inseln mit ihren Auswirkungen auf Umwelt und Anwohnende.

Als Beispiele nennen sie den Verlust Hunderter Wohnungen für Einheimische an Plattformen zur touristischen Vermietung. Und auch das Oliva Beach Hotel auf Fuerteventura oder zwei in der Entstehung befindliche Projekte auf Teneriffa.

Seit einer Mietreform, die steigende Mieten ausbremsen sollte, haben viele Vermieter ihre Immobilien kurzerhand für den Tourismus umgewidmet. Dafür gab es bislang kaum Vorgaben, so dass Investoren dort deutlich mehr mit ihren Wohnungen und Häusern verdienen können. In der Konsequenz fehlt dieser umgewidmete Wohnraum den Einheimischen. Die Wohnungen, die es gibt, wurden deutlich teurer. Was Anwohnerinnen und Anwohnern als Mietpreisbremse zugute kommen sollte, schlug ins Gegenteil um.

Hotel-Projekte in Schutzgebieten der Kanarischen Inseln

Auf Fuerteventura wird zudem seit Jahren um das zur Riu-Gruppe gehörende Oliva Beach Hotel gestritten. Es steht in einem Schutzgebiet und Spanien hatte zuletzt den Rückbau gefordert. Doch die kanarische Politik wehrt sich zusammen mit dem Betreiber gegen den Beschluss.

Auf Teneriffa entstehen unterdessen zwei Luxus-Hotelprojekte. Es geht um Bauten in La Tejita in der Gemeinde El Medano und Puertito de Adeje. Víctor Martín, Sprecher der Aktivisten von “Canarias Se Agota”, sieht insbesondere im Bauprojekt von La Tejita Gesetzesverstöße und mangelnden politischen Willen, diese einzugestehen und zu ahnden.

Hungerstreik gegen bedingungslosen Kanaren-Tourismus

Man sei “in den öffentlichen maritimen Raum eingedrungen und die Küstendemarkation besagt, dass die Arbeiten” unrecht seien. Dennoch würde nichts dagegen unternommen, lautet die Kritik. Beim zweiten Projekt auf Teneriffa habe die Politik versucht, “die Aufmerksamkeit auf den Stadtrat von Adeje zu lenken”, anstatt selbst gegen Verstöße aktiv zu werden.

In Summe sehen die Aktivisten einen Ausverkauf der Kanarischen Inseln an den Massen-Tourismus – und ihre eigene Zukunft in Gefahr. Sie forderten die Kanaren-Politik daher dazu auf, beide Bauprojekte umgehend zu beenden. Andernfalls werde man in einen unbefristeten Hungerstreik treten. Zehn Tage lang passierte nichts. Schließlich setzten die Aktivisten ihr Vorhaben um.

Tourismus-Protest auf den Kanaren: “Zement kann man nicht essen”

Für “Canarias Se Agota” stehe fest, dass die Kanarischen Inseln angesichts der Energie-, Klima- und Wasserkrise “diesen Weg so nicht weitergehen können”. Mit Blick in die Zukunft müsse daher zwingend ein Umdenken stattfinden. Aufgrund politischer Untätigkeit will die Gruppierung nun mit ihren Aktionen mehr Gleichgesinnte finden und so Druck auf die Politik ausüben.

Auf verschiedenen Demonstrationen wurden Botschaften gesendet, wie: “Die Kanarischen Inseln stehen nicht zum Verkauf, sie werden geliebt und verteidigt” oder “Zement kann man nicht essen”.

Man wolle mit weiteren Aktionen dafür sorgen, dass es nicht nur zu ein paar Schein-Treffen mit Fachleuten komme. Das Ziel bestehe darin, die Menschen vor Ort mit all ihren Ängsten und Nöten zu hören und ernst zu nehmen. Anstatt 20 Millionen Euro Subventionen in den Tourismus zu stecken solle lieber in schnellere Bauprojekte für sozialen Wohnraum investiert werden, heißt es.

Mieten und Lebenshaltungskosten auf den Kanaren steigen weiter

Zugleich müsse der weitere Ausbau des Billig- und Massentourismus entsprechend zurückgefahren oder sogar ganz beendet werden, fordern die Demonstrierenden weiter. Denn dessen Konsequenzen reichen längst in die Lebensrealität von Anwohnerinnen und Anwohner hinein, kritisieren sie.

Die Aktivisten sehen derzeit jedoch im Gegenteil sogar ein Bestreben der Kanaren-Regierung, “dieses exorbitante Wachstum” weiter zu bestärken. Immer neue Tourismus-Rekorde spülen zwar Milliarden in die klammen Kassen der Kanaren (mehr dazu hier), doch sie sorgen gleichzeitig auch für weiter steigende Mieten und Lebenshaltungskosten für Einheimische. Und diese Entwicklungen sind Wasser auf die Mühlen der Protestierenden:


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Johannes Bornewasser ist Herausgeber von Teneriffa News. Er hat zudem die redaktionelle Verantwortung inne. Zu seinem Autorenprofil geht es hier.

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