Im vergangenen Jahr habe ich Freiwilligen-Dienst auf Teneriffa geleistet. Ich lebte auf einem Gnadenhof mitten in der kargen Landschaft des Südens; tagsüber Arbeit unter der Sonne, abends runter ans Meer zum Abkühlen. Einen der schönsten Strände fand ich dabei in Abades.
Strahlend weiße Häuser und saubere Straßen zerschneiden in einem symmetrischen Kästchen das kleine Küstenstädtchen. Sonnenblumen und Kakteen säumen die Gärten der winzigen Bungalows. Abades ist hübsch. Abades ist ruhig. Ein paar Häuser, die etwas abseits stehen, wollen jedoch nicht ins malerische Bild passen. Sie sind schmutzig braun und zu groß. Vor allem aber sind sie unbelebt, verlassen.
Ein Eingang ist mit einem gemauerten Kreuz versehen. Es wirkt fast wie ein Portal. Wer unten von der Playa de Abriguitos den Blick hebt, kann die Silhouette des aufragenden christlichen Symbols deutlich erkennen – eine Ansammlung von Lost Places: das Sanatorio de Abona.
Die Geschichte dieses Lost Place auf Teneriffa
Als ich das Sanatorium zum ersten Mal sah, wurde mir direkt eine Geschichte dazu erzählt. In diesem Haus, so hieß es, wurden damals Lepra-Kranke untergebracht, zur Behandlung oder womöglich sogar als letzte Lebensstation. Aber das ist nur die halbe Wahrheit. Denn das Projekt „Lepra-Dorf“ wurde nie in Betrieb genommen.
Lepra-Kranke in ein Haus am Rande einer Insel zu verfrachten, um die Ansteckungs- und Ausbreitungsgefahr der schweren Hautkrankheit zu verhindern – eine gruselige Vorstellung, wenn auch bittere Realität der Vergangenheit. Aber das Sanatorio de Abona hat nie einen Lepra-Kranken beherbergt. Was ist geschehen mit dem Projekt, in das die damalige Regierung unter Francisco Franco 1944 viel Geld investierte?
Als Lepra-Dorf geplant, heute Foto-Kulisse
1944, das ist eine Zahl, die in Kombination mit dem Wort Lepra stutzig macht. Schließlich ist Lepra eine der ältesten bekannten Krankheiten und die großen Epidemien wurden bereits im Mittelalter überwunden. Aber auf Teneriffa wurde der bakterielle Infekt erst spät eingeschleppt – und noch später als schwere Krankheit erkannt. Nach dem spanischen Bürgerkrieg in den 30er-Jahren gab es mehrere Hundert Lepra-Erkrankte auf der Insel – und noch kein Heilmittel.
Die Kranken mussten isoliert, ein abgelegener Ort dafür gewählt werden. Die Regierung beauftragte den Architekten José Enrique Regalado Marrero, mehrere Häuser für die teils schwer gezeichneten Erkrankten im südlichen Arico zu errichten. Neben der heute noch so auffälligen Kirche sollten Unterkünfte, Verwaltungsgebäude und sogar eine Schule entstehen.
Worauf sich zunächst nicht direkt schließen lässt: Von dem Städtchen Abades fehlte damals jede Spur. Abades existierte nicht. Erst mit dem Bau des Lepra-Dorfs wurden Holzhütten in der Umgebung errichtet, um Urlauber aus den Bergen zu empfangen. Das Lepra-Dorf: hohl und leer daneben. Die medizinischen Maßnahmen waren schneller. Das Projekt wurde nie umgesetzt.
Das Sanatorio de Abona auf Teneriffa und seine Geschichte
Das neue Medikament „Dapson“ dämmt die Zahl der Neuerkrankungen an Lepra erheblich ein. Es wirkt entzündungshemmend und antibiotisch. Die Aufgabe des neu errichteten Sanatoriums blieb somit unerfüllt. Die Gegend drumherum dagegen wurde entdeckt. Statt Patienten kamen Urlauber aus den höher gelegenen Ortschaften nach Los Abriguitos, wie Abades vorher genannt wurde.
Menschen aus den Bergen wollten dort unten die Nähe zum Meer genießen. Die Holzhütten waren zunächst ausreichend. Mit dem zunehmenden Straßenausbau auf Teneriffa aber wurde auch die Gelegenheit ergriffen, den Ort zu festigen und zu modernisieren. Fast schon radikal wurden die Hütten mit kontrolliertem Feuer 1986 heruntergebrannt, um die Fläche mit Steinhäusern zu bebauen. Und so ist es entstanden, das heutige Abades – und weiterhin ein Geheimtipp unter Urlaubern geblieben.
Teneriffas mystischer Ort und romantischer Tiktok-Trend
Das Sanatorio de Abona ist auch ein Geheimtipp: zum Sprayen, zum Abhängen, hin und wieder auch Wahlort eines Raves. Wann was stattfindet, und welche Graffiti-Bilder die Wände in ein paar Wochen zieren werden, weiß wohl niemand so genau.
Das Sanatorium ist zu einem mystischen Lost Place geworden, wie es sie auf Teneriffa nicht viele gibt. Kids feiern den Ort auf TikTok, rätseln, was es wohl damit auf sich haben könnte. Oder genießen einfach die Abgeschiedenheit und Ruhe eines ungewöhnlichen Ortes – und solche muss es ja auch geben.


























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Teneriffas Lost Places: Als Lepra-Dorf geplant, jetzt Foto-Geheimtipp
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