Corona-Virus auf den Kanaren: Die Hilflosigkeit der Mono-Wirtschaft


Die lokale Politik der Kanarischen Inseln betont gleichzeitig die Notwendigkeit des Lockdowns und dessen Gefahr für die lokale Wirtschaft. Eine Entscheidung möchte in der vom Tourismus abhängigen Region niemand treffen. Ein gefährlicher Spagat, an dessen Ende eine gesunde, aber von Armut gebeutelte Gesellschaft stehen könnte. Über das Dilemma einer Mono-Wirtschaft.

La Graciosa hat keinen einzigen Corona-Fall erlebt. Auf El Hierro und La Gomera ist es zwar anders, doch auch diese Inseln sind verglichen mit dem Rest des Landes annähernd verschont geblieben. Denn dort gab es nach ersten Covid-19-Infektionen bereits seit Wochen keine Neuansteckung mehr. Die Konsequenzen des Lockdowns werden diese Inseln dennoch genauso hart treffen wie die anderen. Und selbst dort sind die Zahlen inzwischen moderat.

Kanaren: Vom Corona-Hotspot zur niedrigsten Neu-Infektionsrate

19,41 Corona-Fälle pro 100.000 Einwohner lautet die Corona-Rate der Kanarischen Inseln in den vergangenen 14 Tagen. Der nationale Durchschnitt Spaniens liegt bei 135,65. Damit sind die Kanaren vom Corona-Hotspot zu Beginn der Infektionswelle inzwischen zu der Region mit den niedrigsten Corona-Neuinfektionen geworden. Ein Erfolg, der dem Lockdown zu verdanken ist. Und doch wird genau dieser inzwischen als größte Gefahr für die Zukunft wahrgenommen.

Besonders für La Graciosa muss sich die Ausgangssperre samt Abschottung vom Rest der Welt anfühlen, wie eine Haftstrafe für einen Unschuldigen. Immerhin gab es auf der kleinsten Kanaren-Insel noch nie eine Covid-19-Infektion. La Gomera meldete dagegen sogar den ersten Corona-Fall auf spanischem Boden überhaupt: Ein deutscher Tourist hatte das Virus eingeschleppt. Doch der Bayer besiegte es noch auf der Insel. Er steckte nichtmal seine Mitreisenden an. Und El Hierro? Die zweitkleinste Kanaren-Insel verzeichnete bisher vier Fälle. Der letzte liegt – wie auch auf La Gomera – bereits Wochen zurück.

Kanaren: „Armut ist die Konsequenz“ zu langen Abwartens

Zusammen bringen es die drei Inseln auf 33.400 Einwohner – und 14 Infektionen seit Beginn der Krise. Sie alle warten auf Normalität. Und die könnte schneller eintreten als gedacht. Zumindest in der Theorie. Denn durch die geringen Corona-Raten könnten die drei kleinen Kanaren-Inseln trotz ihres verhältnismäßig hohen Altersdurchschnitts die ersten sein, auf denen die Beschränkungen komplett aufgelöst werden. Es gebe „keine Logik“, die verhindert, dass die Inseln mit den niedrigsten Infektionsraten in die Normalität starten, sagte der Präsident der Kanarischen Inseln, Ángel Victor Torres. Und doch scheut er eine entsprechende Entscheidung.

Torres wolle lieber an gleichen Regeln für den gesamten Archipel festhalten. Auf dem Weg dahin, „müssen wir den Menschen helfen, ihre Angst vor dem Ausgehen zu überwinden“, sagt der Politiker weiter. Der Druck entsteht vornehmlich in der Wirtschaft: Die Kanaren gehören zu den am stärksten vom Tourismus abhängigen Regionen des Landes. Und Torres warnt davor, dass die Konsequenz aus zu langem Abwarten „die Armut sein wird“.

Politik fordert Öffnung der Grenzen – will sie aber nicht entscheiden

Eine Lösung konnte die Öffnung der Grenzen in Verbindung mit strikten Kontrollen an den Häfen und Flughäfen des Archipels sein. Und damit trifft Torres den Nerv der kommunalen Politik. So spricht Alicia Páez, die für La Graciosa zuständige Stadträtin auf Lanzarote, davon, dass es „äußerst wichtig“ sei, die Insel aktuell noch vom Rest der Welt isoliert zu halten. Doch man sei auf der kleinsten Kanaren-Insel nicht gegen eine Rückkehr zur Normalität, man wolle lediglich „die Kontrolle über die Leute behalten, die kommen und gehen. So, wie es derzeit der Fall ist“.

Auch der Präsident von El Hierro, Alpidio Armas, sagt: „Ohne einen Test wäre es ein Glücksspiel“ und fügt an: „Wir müssen uns alle bewusst sein, dass diese neue Realität eine abrupte Veränderung in unserem Leben bewirkt.“

Auch er wisse nicht, ob die drei kleinsten Inseln die ersten sind, die wieder zu einem komplett normalen Alltag zurückkehren werden. Er sehe es vor allem als gut für die Bürger an, wenn diese wieder normal aus dem Haus könnten – natürlich unter Berücksichtigung bestimmter Einschränkungen.

Wichtigster Wirtschaftsfaktor ist gleichzeitig Gefährder der Normalität

Während die kleinste Insel nie einen Corona-Fall erlebte, traf es die größte, Teneriffa, am stärksten. Und eingeschleppt wurde das Virus durch den Tourismus. Der wichtigste Wirtschaftsfaktor ist also gleichzeitig der Gefährder der Rückkehr zur Normalität, nach der sich alle sehnen.

Genau das ist es auch, was die Politik derzeit in ihrer Entscheidungsfindung lähmt. Denn gern wird öffentlich betont, wie wichtig eine Rückkehr zur Normalität sei. Die Entscheidung darüber wird dann aber doch lieber sauber vom eigenen Verantwortungsbereich separiert einer abstrakten Gruppe von Fachleuten delegiert.

Der Präsident La Gomeras bringt diese Hilflosigkeit unfreiwillig auf den Punkt: Casimiro Curbelo sagte, die Folgen dieser Krise seien für die Kanaren aufgrund der Lähmung ihres Wirtschaftsmotors „dramatisch“. Er fiebere daher für seine Insel der Normalität entgegen, möchte gleichzeitig aber nicht auf das Wort der Wissenschaft verzichten. Curbelo sei zwar „fest davon überzeugt“, dass ein Weg zurück in die Normalität ohne Risiko möglich sei. Doch wie genau? Dass müssten dann doch „die Experten sagen“.

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Johannes Bornewasser

Johannes Bornewasser ist Herausgeber von Teneriffa News. Er hat zudem die redaktionelle Verantwortung inne. Mehr Infos zum Autor gibt es hier.