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Kanaren: So liefen die Proteste gegen den Massen-Tourismus


Tausende Menschen demonstrieren auf den Kanarischen Inseln gegen Massen-Tourismus. Veranstalter und Polizei nennen deutlich unterschiedliche Teilnehmerzahlen.

Von Johannes Bornewasser Lesedauer: 3 Minuten

“Wir haben kein Problem mit Touristen. Aber mit einer Tourismus-Politik des ständigen Wachstums.” Die Organisatoren von “Canarias se Agota” stellen klar, welche Änderungen sie fordern. Und das machen sie lautstark. Unter dem Motto “20A” demonstrieren viele Tausend Menschen gegen die aktuelle, auf Dauer-Wachstum angelegte Politik der Kanarischen Inseln. Der Titel ist angelehnt an den 20. April, das Datum, an dem die Proteste starten.

Es herrscht Uneinigkeit darüber, wie viele Menschen genau gegen die Tourismus-Politik demonstrierten. Denn während die Veranstalter von 80.000 Menschen allein in Teneriffas Hauptstadt sprechen, gibt die Polizei die Zahl der Teilnehmenden mit 30.000 an. In Las Palmas de Gran Canaria seien es 50.000 Menschen gewesen, heißt es. Die Polizei zählte dort etwa 14.000. Und auch auf den anderen Inseln gingen die Zahlen mitunter deutlich auseinander.

Das Ziel der dezentralen Demonstrationen auf den Kanarischen Inseln liegt in der Aufmerksamkeit. Und die ist den Veranstaltern sicher. In allen größeren Tourismus-Märkten berichten Fernsehsender und Zeitungen über die Proteste. Und damit haben die Veranstalter ihr Ziel auch ungeachtet der schlussendlichen Teilnehmerzahlen erreicht. Sie stellen klar: Uns reicht’s! Doch worum genau geht es eigentlich?

Kanaren: Tourismus-Feindlichkeit bezieht sich vor allem auf die Politik

Der Quadratmeter-Preis für ein Eigenheim lag im Jahr 2017 bei 1350 Euro. Bis heute, etwa sieben Jahre später, kletterte er auf 1960 Euro. Wenn es denn interessante Immobilien zum Kauf gibt. Die Einwohner der Kanarischen Inseln fühlen sich ausverkauft. Und sie werfen der Politik vor, nicht nur zuzusehen, sondern diesen Weg kontinuierlich weiter zu ebnen.

Für den Sommer, früher einmal die Nebensaison, planen die Airlines von typischen europäischen Destinationen einmal mehr zusätzliche Flugsitze ein. Während rund 2,2 Millionen Menschen auf den Kanaren wohnen, kommen inzwischen mehr als sieben Mal so viele Urlauber auf die Inseln – jedes Jahr.

Kanaren sind arm – und leben vom Tourismus

Die Veranstalter wissen um die Wichtigkeit des Tourismus für das Bruttoinlandsprodukt. 37 Prozent spült der Urlaubs-Sektor in die klammen Kassen der Kanaren. Der Archipel gilt als zweitärmste Region Spaniens. Und so ist ein Wachstum in diesem Markt aus politischer Perspektive einfacher als das Erschließen neuer Umsatzfelder.

Die Demonstrierenden sind sich dessen bewusst. Und sie fordern Änderungen mit Augenmaß. Entsprechend logisch ist der Blick auf die Teilnehmenden: Vor allem Menschen jenseits der 50, 60 Jahre und junge Leute demonstrieren für einen Paradigmenwechsel. Sie fordern eine bessere Zukunft. Die Altersgruppe dazwischen ist ebenfalls vertreten, doch in der Minderheit. Die meisten Arbeiter im besten Alter leben derzeit vom Tourismus. Und so fällt es vielen schwer, gegen ihn auf die Straße zu treten.

Kanaren: “Es geht gegen das Tourismus-Modell”

“Es geht nicht gegen den Tourismus, es geht gegen das Tourismusmodell”, “Die Kanarischen Inseln stehen nicht zum Verkauf” oder “Tourismus-Moratorium, jetzt!”: Die Parolen in den Insel-Hauptstädten fordern meist eine Begrenzung des Tourismus, mehr Wohnraum für die Einwohner der Inseln, angemessene Mietpreise und eine Begrenzung ausländischer Einwohner. Die Botschaften auf den Bannern und Schildern sind ähnlich.

In Summe sprechen die Veranstalter der dezentralen Demos von 116.000 Teilnehmenden. Die Nationalpolizei korrigiert diesen Wert auf zusammen 56.000 Personen. Das sind etwa 2,55 Prozent der kanarischen Einwohner.

Kanaren: Demos für bessere Bedingungen und weniger Massen-Tourismus

Solidarität kommt vom Festland. Auch in Barcelona, Madrid oder Malaga demonstrieren Menschen mit den Kanarios. In Spaniens Hauptstadt heißt es, dass die aktuelle Politik, “uns aus unserem Land vertreibt”.

Und auch in Deutschland finden sich Sympathisanten. Am Neptunbrunnen in Berlin demonstrieren rund einhundert Menschen für mehr Nachhaltigkeit im Urlaub: “Die Kanarischen Inseln haben eine Grenze” und “für einen nachhaltigen Tourismus”, heißt es dort.

Ob die Demonstrationen erfolgreich sind, wird die Zukunft zeigen. In den kommenden Monaten rechnen Experten mit weiteren Tourismus-Rekorden auf den Kanarischen Inseln. Und auch die Lage am Wohnungsmarkt ist weiterhin angespannt. Dennoch geben sich die Demonstrierenden zufrieden. Sie haben gezeigt, dass sie mit ihrer Idee, lautstark auf die Situation aufmerksam zu machen, viele Gleichgesinnte gefunden haben – und das sogar in den Ländern selbst, aus denen die meisten Urlauber Jahr für Jahr auf die Kanaren kommen.


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Johannes Bornewasser ist Herausgeber von Teneriffa News. Er hat zudem die redaktionelle Verantwortung inne. Zu seinem Autorenprofil geht es hier.

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